Von Otto F. Beer

Wenn man in Wien „die Burg“ sagt, so meint man nicht die Burg. Der Gebäudekomplex, in dem die Habsburger jahrhundertelang residiert haben, heißt „die Hofburg“. Unter der „Burg“ hingegen versteht man das Burgtheater, das seinerseits so heißt, weil es sich nicht an der Burg befindet. Als Kaiser Josef II. in dem Bestreben, ein deutsches Nationaltheater zu begründen, das „Theater nächst der Burg“ für diesen Zweck ausersah (1776), befand sich dieses Gebäude tatsächlich an der Flanke der kaiserlichen Residenz.

Den Namen „Burgtheater“ aber hat erst der Nachfolger dieses Miniaturtheaters erhalten: jener geräumige Bau, der 1888 entstand, als die Stadt Wien in die hektischen „Gründerjahre“ geraten war, Wall und Graben abgeworfen und an deren Stelle die Ringstraße als das Monument einer nach Expansion strebenden Epoche errichtet hatte. Mit anderen Worten: Das Burgtheater hat vor kurzem seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Was das bedeutet, vermag nur derjenige zu ermessen, der weiß, mit welcher Heftigkeit die Wiener ihre Jubiläen feiern.

Dazu gehören nicht nur Staatsakte, Jubiläumspremieren und -zyklen samt Ordens- und Titelverleihungen, sondern auch zahlreiche literarische Produkte, in denen aufs gründlichste untersucht wird, ob die Burg wirklich noch die Burg sei und wenn ja, warum nicht. Denn die Liebe der Wiener zu ihrem Stammhaus drückt sich vorzugsweise in der Klage über dessen Verfall aus. Diese Klage ist zwar heute weniger gerechtfertigt denn je, aber ihr emotioneller Hintergrund ist wohl die Auffassung, daß kein Maßstab zu hoch gegriffen sein könnte, wo es um dieses Haus am Ring geht. Burgschauspieler zu sein, heißt nicht einfach ein guter Schauspieler zu sein, sondern eher: einem Orden anzugehören. Oder einer künstlerischen Adelsschicht. So versteht es das Buch von

Viktor Reimann: „Die Adelsrepublik der Künstler“; Econ Verlag, Düsseldorf; 272 S., 24,80 DM.

Viktor Reimann war früher Pressechef der Bundestheater und hat nach seinem geräuschvollen Abgang aus dieser Position seine Schreibtischladen geöffnet, um ein aufsehenerregendes Buch über die Wiener Staatsoper zu schreiben. Nun gibt es nur ein Thema, das die Wiener noch mehr erregt als die Burg: ihre Oper. Nach jenem Werk, das den Abgang Böhms und das Heraufkommen Karajans mit teilweise unbekanntem Material in recht aufsehenerregender Weise beleuchtete, war ein Buch über das Burgtheater fällig.

Doch gab es hier weniger verschlossene Schreibtischladen zu öffnen, und so wurde es ein Buch der Verehrung. Sein theaterhistorisch-kritischer Teil ist relativ schmal, das Hauptinteresse Reimanns gilt der Figur des Burgschauspielers. Sechzehn Porträts großer Darsteller exemplifizieren, was Reimann mit dem Begriff „Adelsrepublik“ sagen will. Ein Ensemble, das Namen wie Paula Wessely, Aglaja Schmid, Käthe Gold, Attila Hörbiger, Ewald Balser, Heinrich Schweiger, Josef Meinrad, Robert Lindner, Alma Seidler, Hermann Thimig und so viele andere umschließt, regt ja gewiß zu Dithyramben an, und so hat dem Autor die Liebe zu diesem Wunderteam der Schauspielkunst die Feder geführt. Die Bilder, die er entwirft, sind rund, plastisch, mit Wärme nachgezeichnet und lassen jenseits der Einzelporträts ahnen, welches menschliche und künstlerische Plus nötig ist, um aus einem am Burgtheater engagierten Schauspieler jenes Phänomen zu machen, das der Wiener mit dem Titel Burgschauspieler zu ehren gewohnt ist.