Vor mehreren Jahren schrieb der meisterhaftepolnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lee: „Lernt aus den Erfahrungen der Ornithologen: Wenn Schriftsteller ihre Flügel entfalten sollen, müssen sie die Freiheit besitzen, sich ihrer Federn zu bedienen.“ Und: „Freiheit kann man nicht simulieren.“

Beide Erkenntnisse sind für die Machthaber in Polen nicht neu. Aber sie haben wieder einmal die Lage falsch beurteilt, die Verzweiflung der polnischen Schriftsteller unterschätzt und ihre Nachgiebigkeit überschätzt.

Es ist bekannt, daß im März dieses Jahres vierunddreißig führende politische Schriftsteller und Wissenschaftler an den Ministerpräsidenten ihres Landes ein ebenso knappes wie entschiedenes Schreiben gerichtet haben, in dem sie gegen die Verschärfung der Zensur und gegen die Einschränkung der Papierzuteilung für den Druck von Büchern und Zeitschriften protestierten. Da durch die Maßnahmen der Regierung eine Situation entstanden sei, „die die Entwicklung der nationalen Kultur bedroht“, fordern die Unterzeichner „eine Änderung der polnischen Kulturpolitik“ im Geiste der Rechte, die in der Verfassung des Staates garantiert werden.

Hingegen ist es weniger bekannt, welche konkreten Umstände die polnischen Schriftsteller zu diesem Schritt gezwungen haben. Denn die bundesrepublikanische Presse informiert ihre Leser über Polen, zumal über das Kulturleben, sporadisch und ungenau, oft einseitig und leider allzu optimistisch. Mit Ausnahme der Frankfurter Allgemeinen haben die großen Tageszeitungen keine eigenen Korrespondenten in Warschau und sind deshalb auf Agenturmeldungen und auf gelegentliche Mitarbeiter angewiesen.

Oft versucht man, die polnischen Verhältnisse gegen diejenigen in der DDR auszuspielen. Fast immer erweist es sich, daß die Vergleiche oberflächlich und falsch sind. Überdies verleitet das mehr oder weniger harmlose Gesellschaftsspiel die Berichterstatter dazu, negative Erscheinungen im Leben Polens zu bagatellisieren oder ganz zu verdrängen. Aber auch fromme Lügen haben kurze Beine.

Überspitzt ausgedrückt: es hat keinen Sinn, den (tatsächlich imponierenden) Wiederaufbau Warschaus zu bewundern und die für Bundesrepublikaner kaum vorstellbare Wohnungsnot in dieser Stadt zu verheimlichen oder noch einmal den (tatsächlich vorhandenen) Charme der Polinnen zu besingen, jedoch den Preis für Nylonstrümpfe schamhaft zu verschweigen.