Die Sage geht, es sei vor einiger Zeit im Hause gemeinsamer Freunde, also gleichsam auf neutralem Boden, zu einer Begegnung Ernst Blochs und Martin Heideggers gekommen. Philosophisches wurde an jenem Abend nicht berührt: Das Prinzip Hoffnung blieb ebenso ausgespart wie die Technik und die Kehre. Dann aber fiel plötzlich der Name des Johann Peter Hebel, worauf nun doch ein Gespräch zustande kam. So wurde daraus zwar nicht, was man im neudeutschen Sprachgebrauch gern eine „echte Begegnung“ nennt, aber der „Rheinische Hausfreund“ erwi’es selbst in diesem extremen Fall abermals seine Kraft, zu binden und Spannungen zu lösen.

Kam es wirklich zu einer Vereinigung in Johann Peter Hebel? Längst ist man – glücklicherweise – davon abgekommen, den Meister der „Alemannischen Gedichte“ und des „Schatzkästleins“ als bloße Fundgrube für Morgenfeiern und jene funkgerechten „Schatzkästlein“-Sendungen zu betrachten, die nun wahrlich wenig zu tun haben mit einem, der die Geschichte vom „Unverhofften Wiedersehen“ geschrieben hat: die Erzählung vom Bergmann aus Falun in Schweden, von welcher an jenem Abend zwischen Bloch und Heidegger nicht ohne Grund die Rede war. Hebel ist durchaus kein platt-erbaulicher, sondern ein unheimlicher Erzähler; genau wie der von ihm verehrte (und ihn verehrende) Jean Paul Friedrich Richter. Was denn war Hebel, worauf beruht diese seine so singuläre Gewalt?

Da ist ein Buch mit Deutungen, Erlebnisberichten und Dankreden erschienen –

Theodor Heuss / Carl J. Burckhardt / Wilhelm Hausenstein / Benno Reifenberg / Robert Minder / Werner Bergengruen / Martin Heidegger: „Über Johann Peter Hebel“; Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen; 124 Seiten, 12,80 DM

– das einiges von dieser Bannkraft und ihren Mitteln deutlicher werden läßt, als es bisher geschah. Weit mehr wurde hier geboten als eine bloße Addition von Essays und Lobpreisungen. Der Band ist komponiert, sogar gleichsam musikalisch komponiert, und zwar nach der Technik durchgehender Themen, wenn nicht gar richtiger Leitmotive.

Theodor Heuss bringt die thematische Exposition. Seine Dankesrede für die Verleihung des Hebel-Preises 1952 enthält eigentlich alle Motive, die dann vor allem von Carl J. Burckhardt und Robert Minder aufgenommen werden. Für Heuss bedeutet – in dieser Rede wenigstens – der Verfasser jener aus Erinnerung und Kindheitssehnsucht geschaffenen „Alemannischen Gedichte“ das geistige Zentrum seiner Hebel-Deutung. Aber mit diesem Hinweis auf Muttersprache und Jugendlandschaft verbindet der Historiker Heuss sogleich die Analyse des geschichtlichen Augenblicks. Hebel schuf in einer Zeit erstaunlicher „Ungleichzeitigkeiten“. Die „Alemannischen Gedichte“ von 1803 erscheinen im gleichen Jahr wie Schillers „Braut von Messina“. „Im Jahre 1811 entstand die erste Sammlung des ‚Schatzkästleins‘. Es ist das Jahr von Fouqués ‚Undine‘, von Justinus Kerners ‚Reiseschatten‘ – das sind die Prosaglanzstücke der frühen Romantik –, aber es ist keinerlei Berührung zwischen Hebel und ihnen. Sie und manches andere aus jener Zeit sind untergegangen, beachtenswert, ja achtungswürdig für die literarische Kommentierung. Auch Schillers ‚Braut von Messina‘ gehört dazu. Hebel aber blieb lebendig.“

Es sind jedoch nicht bloß diese geschichtlichen Pluralitäten. Schon Heuss betont, ebenso wie später Burckhardt: „Für mein Begreifen ist der so oft vereinfachte Hebel eine sehr vielschichtige Natur.“ Noch deutlicher: „Mit ‚Volksdichtung‘ und ‚Heimatdichtung‘ ist es nicht getan bei Hebel.“ Die eigentümliche Größe dieses Mannes sei in dem Bemühen zu finden, in einer Welt äußerster politischer, nationaler Spannungen für sich selbst eine sehr eigentümliche Synthese gefunden zu haben: „Was Hebel gelang, ist die Vermählung von Poesie und Verständigkeit.“ Wobei Verständigkeit für Heuss natürlich mit der Aufklärung zu tun hat.