Von Claus Gatterer

Mailand, im Mai

Der Mailänder Justizpalast konkurriert erfolgreich mit dem Zentralbahnhof und der „galleria“ am Domplatz um den Rang des scheußlichsten Gebäudes der lombardischen Metropole. Sein Erbauer ist Marcello Piacentini, der Mussolinis „architetto del regime“ war.

Am 7. Juli soll im großen Saal dieses Justizpalastes jener Prozeß gegen 91 Südtiroler, Österreicher und Deutsche zu Ende sein, der als „Attentäter-Prozeß“ zur gerichtlichen Sensation des Jahres werden sollte. Er wurde es nicht. Das italienische Prozeßpublikum hat schon längst vor der Sprödigkeit der Materie kapituliert, und die italienischen Journalisten, die sich die Finger wundschrieben, solange von „Feuernacht“, gesprengten Hochspannungsmasten, demolierten Häusern und österreichisch-deutschen Hintermännern die Rede war, wanderten in andere Gerichtssäle ab, als vier Monate lang, in sechzig Sitzungen die Problematik der italienischen Politik gegenüber der Minderheit abgehandelt wurde.

Unter den 434 Zeugen waren die Gründer der Südtiroler Volkspartei – Erich Amonn, Josef Romeinen und Friedl Volgger. – und deren heutige Führer – Silvius Magnago und Hans Dietl; Parlamentarier in Rom sowie in Bozen und Trient tätige „Regionalpolitiker“ berichteten über ihre Erfahrungen mit dem Autonomiestatut von 1948, welches – wie Amonn und selbst der indessen zum feindseligen Außenseiter gewordene Raffeiner bestätigten – zwar nicht durch Betrug, aber immerhin durch sanfte Erpressung die nur bedingte Zustimmung der Minderheit erhalten hatte.

Es waren vier Monate Geschichtsunterricht über Südtirol, vier Monate Vorlesungen über autonomes Recht und autonome Praxis in Italien, Dafür sorgte der Vorsitzende, Gustavo Simonetti, ein Toskaner, der die Prozeßmaterie ebensogut kennt wie Südtirol, der die Angeklagten nicht wie Opfer mit Fragen umschleicht, sondern mit Geduld, Humor und einem zum Verständnis bereiten toskanischen Realismus danach trachtet, den Dingen auf den Grund zu gehen. Simonetti, heißt es, führe seine Prozesse so, daß die gefällten Urteile jeder Berufung standhalten. Das ist sicher richtig. Ebenso bedeutsam ist indessen, daß er den Angeklagten das Gefühl zu geben weiß, daß sie eben Angeklagte und nicht Zu-Verurteilende sind.

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