Die FDP hat, nimmt man die Worte ihres Vorsitzenden für bare Münze, das Rezept für den Bundestagswahlkampf gefunden: Erich Monde nannte die FDP eine "Partei der Gegner des CSU-Vorsitzenden Strauß". Soll das bedeuten, daß die Freien Demokraten (die in der kommenden Woche ihren Bundesparteitag abhalten) entsprechend ihrer Parole von 1961 – "Mit der CDU, aber ohne Adenauer" – jetzt argumentieren werden: Für die Politik Erhards, aber ohne Strauß?

Dieses Rezept mag so schlecht gar nicht sein. Wenn die außenpolitische Fronde innerhalb der CDU/CSU weiterhin ungeachtet der pathetischen Erklärungen Erhards, er allein bestimme die Richtlinien der Politik, eben diese Richtlinien in Frage stellt, wenn bei jedem Anlaß der Streit um die Außenpolitik neu ausbricht, dann mag es in der Tat eine erfolgversprechende Taktik sein, sich als Schildhalter des Kanzlers zu gebärden und ihn vor den Angriffen des CSU-Vorsitzenden abzuschirmen. Wobei Strauß die Symbolfigur für jene größere Gruppe in den Unionsparteien wäre, der die ganze Richtung der gegenwärtigen Außenpolitik nicht paßt.

Strauß als negative Symbolfigur in der Propaganda zu verwenden, hätte außerdem den Vorteil, daß damit alle jene Wähler angesprochen würden, die seit der Spiegel-Affäre wohl an den demokratischen Tugenden des CSU-Vorsitzenden, nicht aber an seinem Machtstreben zu zweifeln gelernt haben – jene Wähler, die nichts mehr fürchten als seine Rückkehr ins Kabinett. Diese Rückkehr mag schwer aufzuhalten sein, wenn die CDU/CSU die absolute Mehrheit erhält. Es könnte sich daher empfehlen, die FDP zu wählen – in der stillen Hoffnung, die Partei werde diesmal nicht umfallen.

So bestechend diese Überlegung auf den ersten Blick sein mag – sie ist im Grunde nur ein taktisches Rezept, und nicht das erste, das von der FDP und ihrem Vorsitzenden erfunden wurde. Es besagt im Grunde nicht mehr, als daß die FDP darauf rechnet, von den Fehlern der anderen Parteien, vor allem der CDU/CSU, profitieren zu können. Ganz so hat es Erich Mende sicher nicht gemeint. Tatsache aber ist, daß die ständige Beschäftigung mit taktischen Problemen die FDP bisher daran gehindert hat, über die Rolle des Liberalismus in der Welt von heute nachzudenken.

Die CDU hat nach 1945 die Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen. Sie hat im politischen Bereich die konfessionelle Trennung überwunden und sich damit den Weg zur Volkspartei frei gemacht. Die Ausübung der Macht allerdings enthob sie bisher weiteren tiefschürfenden Nachdenkens über die Prinzipien ihrer Politik.

Die SPD hat unter dem Eindruck der CDU-Erfolge und der Auseinandersetzungen mit der kommunistischen Abart des Sozialismus ihre Position unter manchen Schmerzen neu überdenken müssen. Eine große Leistung, auch wenn manche Kritiker heute fragen: Wofür das eigentlich? Als Vorbereitung für die große Koalition?

Die FDP aber hat weder mit einem großen Konzept begonnen, noch ein neues gefunden. Sie hat eben weitergemacht, klein, aber fein.