Die alten Kenner, allwissende gourmets und Premierentiger der zwanziger Jahre, schwärmen noch heute von der Brucknerschen „Verbrecher“-Premiere. Hilpert führte, 1928, im Deutschen Theater Regie; Gründgens war, so jung wie gefährdet, dabei; Hans Albers spielte den Don-Juan-Kellner, Lucie Höflich die Ernestine: eine Figur der griechischen Tragödie im Küchen-Milieu.

Inzwischen hat sich sehr viel geändert: Ferdinand Bruckner, damals ein amüsantes Pseudonym für den Residenz-Theater-Direktor Theodor Tagger, ist tot; die in den „Verbrechern“ geschilderte Gesellschaft gibt es nicht mehr; auch die Piscatorsche Inszenierung des Stücks, „Deutschland 1926“, ist schon zur Legende geworden.

Die Fernsehleute taten gut daran, ihrem Experiment nicht die Buchausgabe von 1929, sondern eine spätere (mir nicht greifbare) Fassung zugrunde zu legen. Ottfried von Wieg, ein zynischer Homosexueller, erscheint jetzt als Kumpan eines Männerbunds und sanfter Faschist, der mit elegischer Brutalität das Ende der Demokratie und den Beginn der neuen Ordnung ersehnt... und auch die Richter sprechen 1964 andere Sätze als sechsunddreißig Jahre zuvor: Vom eisernen Besen und unserer nationalen Zukunft ist nun die Rede, vom Autoritätsverlust und von jenem Deutschland, das bedauerlicherweise nicht mehr Deutschland ist.

Die Schauspieler waren vorzüglich; eine bessere Puschek als Rosl Schaefer läßt sich nicht denken: Wie sich die Dumpfheit mit der ausgeklügelten List, die Frömmigkeit mit der Lüge, die kreatürliche Demut mit hohem Pathos verband! Eine Medea im „Ratten“-Milieu. Frau John als eine euripidische Figur – jedes Halszucken und jede Bewegung der Hände gab dieser ganz und gar synthetischen Gestalt Echtheit und Glaubwürdigkeit. Von „Literatur“ keine Rede; papierene Floskeln wurden von der Regie kunstreich getilgt. („Ich habe dir den Schmuck zur Aufbewahrung übergeben, da ich nach Südamerika mußte“, hieß es anno 29 im S. Fischer-Text; 1964 dagegen, wurde aus dem belehrenden da ein beiläufigschlichtes bevor ... und schon war alles im Lot!)

Und dennoch blieb am Ende ein Unbehagen zurück. Nicht nur, daß man so manche Passage verschenkte (Ernestine, die sich nach dem Mord vor dem Spiegel zurechtmacht: man möchte sie sehen!); nicht nur, daß die Richter im zweiten Akt allzu forsch im Stil des Diederich Heßling bramarbasierten: Die Pointe des Brucknerschen Stücks, das Sieben-Schauplatz-Spiel auf der Etagenbühne mußte, das war vorauszusehen, auf dem Bildschirm verpuffen. Es blieb beim Nacheinander; das Zugleich der Aktschlüsse wurde nicht sichtbar.

Wahrscheinlich könnte nur Piscator eine Fernsehentsprechung der Kreislerbühne erfinden; er sollte das Drama sehr bald, vielleicht für das zweite Programm, inszenieren. Ich meine, das könnte sich lohnen; und Michael Vehlmanns Leistung würde durch ein remake nicht geschmälert.

Schließlich geht es um Bruckner und um ein glänzend kalkuliertes Stück. Momos