Von Horst Hachmann

Am letzten Mittwoch, Punkt 19.25 Uhr, wurde Fidel Castro erschossen. Es geschah zu den Klängen des „Peppermint-Twist“. Den Attentäter nannten sie Charly. Er war ungefähr siebzehn, trug den „Beatle-Look“ und Schnallenschuhe, außerdem einen verwaschenen Overall, Eine Stunde davor hatte Charly noch die Zündung eines Cabrios eingestellt und war von seinem Meister dafür gelobt worden. Denn Charly ist angehender Kraftfahrzeugmechaniker.

Übrigens starb Fidel Castro an diesem frühen Abend nicht zum erstenmal. Denn sein bärtiges Konterfei ist eine der vielen Attraktionen in einer Spielhalle, und die Kugel im Automaten streckt ihn täglich viele Male zu Boden. Aber der Automaten-Fidel ist zählebig. Er kommt immer wieder auf die Beine, sehr zum Nutzen seines Besitzers, des Automatenaufstellers.

Die Hallen mit den Spielautomaten gehören zum Alltagsbild in jeder größeren Stadt. Die Jugendpfleger sind nicht glücklich darüber, denn sie meinen, junge Menschen könnten ihre Freizeit nützlicher verbringen. Schließlich gehören sie in erster Linie zu den Bewerbern um die Freizeitinteressen der Jugend. Diese Freizeit indessen ist für den Jugendlichen zunächst einmal eine Auseinandersetzung mit der Langeweile.

Eine Hamburger Statistik läßt erkennen, daß die Lieblingsbeschäftigung von 22 Prozent des lünfzehn- bis Zwanzigjährigen „Draußensein und Herumstehen“ ist. Das Revier dieser jungen Menschen ist also die Straße mit ihren vielen Verlockungen. Diese jungen Leute leiden unter der Langeweile am schwersten. Und besonders für sie hat eine Gruppe geschäftstüchtiger Unternehmer Treffpunkte geschaffen, wo sie die Langeweile vergessen und den Nervenkitzel groschenweise kaufen können: eben jene Spielhallen.

Wer eine solche Halle betritt, gerät in eine andere Welt. Die Luft ist zum Schneiden, der infernalische Lärm tötet jedes Gespräch. Der Musikautomat plärrt ohne Unterlaß Hully Gully, Twist, Rock’n’Roll oder was sonst noch gerade Mode ist. Über die zehn oder zwölf Automaten bücken sich ganze Rudel junger Leute. Ihre Gesichter sind ernst und konzentriert. Wären nicht der Lärm dort, das unentwegte Schnarren und Surren rotierender Kugeln, die peitschenden Schüsse, dann könnte man meinen, sie seien dabei, eine Mathematikaufgabe zu lösen. Gewinnen kann man an diesen Automaten nichts. Dafir hat der Gesetzgeber gesorgt, der nicht wünscht, daß Glücksspiele überhandnehmen. Aber man kann Wettkämpfe vereinbaren. Das Geschäft blüht, und Tag für Tag verschwinden lausende von Groschen in den Schlitzen der Automaten, Groschen aus dem Taschengeldbudget der Lehrlinge und Schüler.

Die Produzenten müssen sich natürlich eine ganze Menge einfallen lassen, damit der Andrang unvermindert anhält. So machen sie die Hallen zu Fußballplätzen und Eishockeyarenen, zu imaginären Übungsfeldern für geschickte Kraftfahrer, zu Schießbuden der Weltgeschichte. Für einen Groschen rollen bunte Kugeln über pittoreske Lichterfelder, und für einen Groschen fällt Fidel Castros Kopf in den Automatenkasten.