Ein Findelkind im Standesamt zu Köln

Von Gert H. Theunissen

Ob eine Statistik im Rathaus zu Köln am Rhein geführt wird, woraus zu entnehmen wäre, ob sich nach dem Karneval die Bitten um einen möglichst frühen Termin zur standesamtlichen Trauung häufen, ist mir nicht bekannt. Ich weiß nur, daß die Sparkasse der Stadt Köln im Jahre 1963 vorzüglich abgeschnitten hat: 622 500 Sparer, welche im amtlichen Bericht als „Einleger“ bezeichnet werden, stützen sich mit berechtigtem Stolz auf ein Sparkonto. Und im Durchschnitt stehen darauf nicht weniger als 1592 Mark! Des ungeachtet werden aber die Kölner immer noch als ein leichtes Völkchen vor allem von denen bezeichnet, die rechtsrheinisch wohnen, also dort, wo Berlin, Hamburg, Frankfurt und München liegen. Das ist bitter. Als ich mir erlaubte, vor einigen Monaten aufs rechtsrheinische Ufer überzusiedeln, warnten mich Ur-Kölner, die es gut mit mir meinten, vor diesem Schritt in den kurzweg als „preußisch“ bezeichneten Abgrund. Sie empfahlen mir wörtlich, Perlen mitzunehmen, denn „da drüben“ sei noch Sklavenhandel.

Das alles schicke ich, reiflich bedacht, voraus, damit man bis auf den blanken Grund erkenne, was denn eigentlich eine der größten Überraschungen bedeutet, welche das heilige Köln denen bereithält, die sich – sei es passiv oder aktiv – in das lobenswert gut gebaute, von den meisten anderen Neubauten öffentlicher Hand sich wohltuend unterscheidende Rathaus mehr oder weniger feierlich begeben. Vorausgeschickt deshalb das Obige, weil angesichts des überaus lustigen Karnevals, den folgenlos so leicht niemand übersteht, angesichts auch einer Bürgerschaft von „Einlegern“ man doch annehmen sollte, daß die sich werktäglich im nobel ausgestatteten Vestibül des rathäuslichen Standesamtes versammelnden Familiengruppen einschließlich der beiden, auf die doch alles an- und loskommt, nicht selten von irritierender Melancholie erfüllt sind.

Trost und Empörung

Bei den einen ist es schon soweit: Sie warten auf den warmherzigen und von milder Menschenkenntnis durchdrungenen Standesbeamten, daß er ihnen das Ja aufs Leben abnehme; bei den anderen handelt es sich um das meist zögernde Herbeibringen der sogenannten „Papiere“. Doch die einen wie die anderen wollen oft genug überhaupt nichts mehr von Karneval wissen, und ihr Reichtum auf der Sparkasse macht ihnen offensichtlich ganz andere Sorgen – was die Zukunft des Kontos betrifft. Blickt man genau hin, so ist das alles menschlich verständlich, denn der Mensch ist ein Wesen, das unterwegs ist.

Aber die besagte, nicht durchweg, aber öfters zu beobachtende Melancholie, die gewiß aus der Kluft zwischen Natur und Gesellschaft sich emporkräuselt – sie ist nicht zu bezweifeln. Mit ihr scheinen auch die führenden Männer der Stadt Köln vertraut zu sein. Wer von ihnen auf den überwältigend pädagogisch-humanitär-psychologischen Gedanken gekommen ist, in der Vorhalle des Standesamtes ein Prachtgemälde aufzuhängen, dessen Urheber ein Maler namens Hubert Salentin ist, das weiß ich nicht. Der Maler wurde 1822 geboren und ist im Jahre 1910 ein für allemal dem Licht dieser Welt entschwunden. Daß sich mit dem mir unbekannten Humanisten, der er gewesen sein muß, alle Chefs der Stadt Köln solidarisch wissen, beweist die lapidare Tatsache, daß das Ölbild immer noch an der Wand hängt und hoffentlich niemals in ein Depot wandert.