Tendenzen und Tabus in der DDR

Von Theo Sommer

Entstalinisiert jetzt endlich auch Walter Ulbricht sein Regime?

Angesichts der Mauer, so scheint es, kann es auf die Frage nur eine einzige Antwort geben: Nein. Wie ein steinernes Siegel des Stalinismus steht das scheußliche Bauwerk in der deutschen Landschaft. Antifaschistischer Schutzwall? Der amtliche SED-Euphemismus täuscht niemanden über die Brutalität der Politik hinweg, die ihn errichtet hat.

Doch dürfen wir uns von der Mauer auch nicht den Blick in das Land dahinter verstellen lassen. Wir müssen bei aller Empörung nüchtern bleiben. Nüchterne Betrachtung jedoch führt uns zu der Erkenntnis, daß sich jenseits der Mauer in den vergangenen zwei Jahren doch eine Abkehr vom Totalitarismus stalinistischer Prägung angebahnt hat. So falsch es wäre, die Tragweite der „schleichenden Entstalinisierung“ überzubewerten, so töricht wäre es, sie einfach zu leugnen. Sie hat ihre Grenzen, aber sie hat auch ihren Wirkungsraum. Beides gilt es zu sehen.

Kernstück von Ulbrichts zaghafter Entstalinisierung ist die Wirtschaftsreform – das „neue ökonomische System“. Es hat, da es an die materielle Interessiertheit des einzelnen appelliert, den großen Vorteil, die Bevölkerung zur Mitarbeit geneigter zu machen; solche Mitarbeit am Aufbau des Sozialismus soll von nun an auch für das Individuum profitabler werden. Gegenüber der Bevölkerung gestattet die neue Linie daher nicht nur eine Haltung der Verträglichkeit; sie fordert sie geradezu. Diese Haltung aber sticht von den plumpen und brutalen Diktaturmethoden ab, die bis Mitte 1962 im Schwange waren.

Auf lange Sicht freilich mag die neue ökonomische Politik durchaus noch eine andere Wirkung haben: Sie könnte das östliche System von innen heraus wandeln, falls sich das Prinzip durchsetzen sollte, daß praktische Erfolge wichtiger sind als bestimmte Lehrsätze der marxistischen Wirtschaftstheorie. Die Versachlichung, die sich jüngst abgezeichnet hat, führt schon ein großes Stück hinweg vom früheren Fanatismus. Möglicherweise ist sie ein erster Schritt zum Revisionismus: zu einer rein erfolgsbezogenen und mithin schmiegsamen Anwendung der Lehre.