„Wir brauchen einen echten Meinungsstreit, keinen künstlichen... Wir brauchen eine Art 20. beziehungsweise 22. Parteitag auf dem Gebiet der Kultur... Wir brauchen das Recht, die Pflicht und die Verantwortung zu zweifelnder Kritik, und wir brauchen nicht das Vorrecht einzelner hierzu ... Wir brauchen keine Verhaltensweisen, die jeder kleinsten Regung von irgend etwas Neuem, Unbekanntem mit politischer Verdächtigung begegnen... Wir brauchen eine Kunst, die die Menschen zum Denken veranlaßt, und wir brauchen keine Kunst, die ihnen das Denken abnimmt... Wir brauchen in der sogenannten freien Kunst im Gegensatz zur sogenannten angewandten Kunst keine Reklame für den Sozialismus.“

Diese Thesen mußten den SED-Kunstpäpsten schrill in den Ohren klingen. Dennoch ist dem Bildhauer bisher nichts geschehen. Er hält es zwar mit dem Wahlspruch von Karl Marx „An allem zweifeln“, aber er möchte doch nicht gegen die Partei recht haben, sondern mit ihr. Die Frage ist nur: Will umgekehrt die Partei mit ihm recht haben – oder lieber gegen ihn?

Havemanns Zweifel

Vielleicht kommt Professor Cremer mit seinem Ketzerkatalog durch, obwohl die „Hauptverwaltung der ewigen Wahrheiten“ (Havemann) für Zweifelsfreudigkeit wenig Verständnis aufbringt. Im ideologischen Bereich verbittet sie sich derlei Regungen jedenfalls mit unmißverständlicher Entschiedenheit. Havemann stürzte, weil er das mißachtete (und obwohl Ulbricht ihn zunächst ermutigt und später milde gedeckt haben soll). „Nur durch den Zweifel am Alten überwinden wir das Alte und bewahren uns doch seinen Reichtum, und nur durch den Zweifel am Neuen gewinnen wir das Neue und erhalten es am Leben“ – diese Ansicht des Professors fand am Ende nicht den Beifall der SED-Ideologen. Robert Havemann, obwohl er sich ausdrücklich als Kommunist bezeichnete, verfiel dem Bann, weil er die Mauer durchbrach. Er stellte nicht nur unorthodoxe Fragen („Ist der Kommunismus das unausweichliche Schicksal der Menschheit, ist er die einzige historische Möglichkeit unserer Zeit?“), er gab auch unorthodoxe Antworten:

„Hegels Satz Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit ist voll tiefer Weisheit. Wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, sollten wir ihn aber immer im Zusammenhang sehen mit einem zweiten Satz: Der Weg der Menschheit ist der Weg aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit ... Freiheit ist nicht in dem Sinne Einsicht in die Notwendigkeit, daß man jeweils nur eine einzige notwendige Sache tun kann. Sondern wahre Freiheit haben wir erst, wenn für unser Tun und Lassen eine breite Skala von Möglichkeiten offensteht, so daß jeder ganz nach seinem individuellen Streben handeln kann, nicht beschnitten und eingeengt durch Anordnungen, Befehle und ‚Grundsätze‘.“

So fordert Havemann die Auseinandersetzung auch mit den neuen Formen der Verhüllung der Wirklichkeit; verlangt eine Befruchtung der marxistischen Philosophie durch die Naturwissenschaften („Philosophie kann man nicht verstehen, wenn man nur Philosophie versteht“); prangert das deutsche „Radfahrersystem“ an – nach unten treten und nach oben buckeln; bekämpft die Erscheinungen der politischen Heuchelei; Wünscht Freiheit der Meinungsäußerung wie der Meinungsbildung: „Man darf die Menschen nicht konfektionierten und behördlich genehmigten Ansichten unterwerfen... Menschen kann man viel befehlen und vorschreiben, aber man kann ihnen nicht vorschreiben, was sie denken sollen.“

Schließlich zieht Havemann auch gegen die Funktionärs-Hierarchie zu Felde („... viele Menschen nicht auf Grund wirklicher Fähigkeiten in bestimmte Stellungen gekommen sind, sondern eben auf Grund dieser ekelhaften Fähigkeit, gerade in einem solchen System an eine solche Stelle kommen zu können“). Er verkündet, daß personelle Veränderungen zwar sekundär, aber unvermeidlich seien, und erhebt dann die Forderung nach Wiederherstellung der in der Stalin-Ära verlorengegangenen Demokratie: „Die sozialistische Revolution hat sich konsolidiert und stabilisiert. Sie hat sich ökonomisch außerordentlich ausgeweitet. Jetzt hat sie die Möglichkeit, mit all den Übeln fertig zu werden, die sich im Laufe der ersten Periode entwickelt haben. Sie hat den neuen Weg bereits eingeschlagen, den Weg des demokratischen Sozialismus.“