Von Gustav Bally

„Finden Sie es richtig oder nicht, daß Doktor

Dohen verurteilt worden ist?“ Das Allensbacher-Institut für Demoskopie hat diese Frage vor kurzem gestellt. Das Publikum, zum Richter aufgerufen, antwortete in 48 von hundert Fällen eindeutig mit Nein. Religiöse Bindungen scheinen bei der Entscheidung kaum einen Einfluß ausgeübt zu haben, auch wenn mehr Protestanten (54 Prozent) als Katholiken (41 Prozent) das Urteil des Landgerichts verwerflich finden. Eine gewisse Rolle spielten allerdings der Grad der Bildung und die soziale Herkunft: 60 Prozent der Befragten mit Abitur und 54 Prozent von Angehörigen der sozialen Oberschicht waren gegen das Landgericht Hannover, das den einstigen Chefarzt des Kreiskrankenhauses in Großburgwedel wegen schwerer Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hatte. Er hatte zahlreiche Frauen auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin sterilisiert. Seit zwei Monaten liegt jetzt der Revisionsantrag Dohrns und seines Rechtsanwalts Augstein beim Bundesgerichtshof – geblieben sind nach wie vor viele Fragen. Professor Dr. med. Gustav Bally, Zürich, greift eine wichtige davon auf: Warum die Situation der Gegenwart, das heutige familiäre Milieu bei allen Erwägungen so unbeachtet geblieben ist.

In allen Äußerungen, selbst in solchen, die Dr. Axel Dohrns Eingriffe billigen, wird eines fast immer übersehen, das von ausschlaggebender Bedeutung zu sein scheint: Die Geburtenregelung – von der Konzeptionsverhinderung über die Schwangerschaftsunterbrechung zur Sterilisation – wird entweder mit naturwissenschaftlichen Argumenten gebilligt oder mit überkommenen Moralurteilen verworfen; es wird hingegen nie gefragt, ob das heutige familiäre Milieu ein gutes Verhältnis unter den Gatten, aber auch die rechte Erziehung und Ausbildung von Kindern gewährt, wenn sie in größerer Zahl vorhanden sind. Dies ist nun eine Frage, die sich weder auf „natürlichem“ Wege regelt noch mit der herkömmlichen Moral regeln läßt. Die Entscheidung muß heute neu getroffen werden.

Bei uns Menschen kommt es nämlich nicht in erster Linie auf die Bereitschaft an, Kinder zu zeugen, sondern auf die Bereitschaft, diesen Kindern innerhalb der Familie eine möglichst günstige Empfangswelt zu schaffen. Nur unter der Bedingung, daß sie sich ihren Kindern liebend, bedacht, aber vor. allem freudig zuwenden – und sich selber gegenüber –, können Eltern hoffen, daß ihre Gemeinschaft sinnvoll bleibt und daß ihre Kinder zu Menschen heranreifen, die fähig und gewillt, sind, ihr Leben verantwortlich zu führen.

Nun hat aber die Beziehung der Geschlechter einen neuen Charakter und eine zusätzliche Aufgabe erhalten, die die Ehe traditionssicherer Zeiten nicht kannte. Die Ehe steht heute nicht so sehr und oft nicht einmal in erster Linie im Dienst der Aufgabe, eine Familie zu gründen; wer zur liebenden Partnerschaft bereit ist, will und muß auch aneinander eine Weiterentwicklung vollziehen, die das elterliche Milieu nicht gewährleistet hat und nicht gewähren konnte.

In traditionsbewußten Zeiten besaßen der junge Mann oder die junge Frau im jugendlichen Ehealter schon die von den Eltern auf die Kinder überlieferte Haltung, die ihre Rolle von ihnen verlangt. Sie konnten und sollten an der ihrem Stand entsprechenden Verfassung zeitlebens festhalten. Heute hat der junge Mensch in seiner Ehe das, was die Verankerung in der Tradition seinen Vorfahren mitgab, nämlich die Selbstsicherheit im intimen Bereiche, in der Auseinandersetzung mit seinem Partner erst zu erwerben. Voraussetzung dafür ist, daß die Ehe ihr Entstehen einer Liebeswahl und nicht einer familiären Bestimmung verdankt. Die Liebeswahl enthält aber immer das Risiko, daß in der so entstandenen Partnerschaft die Aufgaben nicht gelöst werden können, die ihr zustehen. Daher hat die Forderung der Liebesehe auch diejenige der Scheidbarkeit der Ehe mit sich gebracht. Aber auch dort, wo eine solche Ehe glücklich verläuft, hat sie einen anderen Charakter als die Standesehe, nämlich den einer Gemeinschaft, in welcher die Aufgaben des Intimbereichs überwiegen; denn die meisten sozialen Aufgaben, die früher der Ehe und der Familie zufielen, sind von anderen Gruppen übernommen worden.