Von Hubert Fichte

In der letzten Nummer der ZEIT nahm Marcel Reich-Ranicki einen Bericht Horst Krügers zun Anlaß der wöchentlichen Glosse: „... es handelt sich, mit Verlaub, um Auschwitz.“

Man mag zur Form des Krügerschen Artikels steien, wie man will; daß er erschien, ist von Nutzen. Krüger und auch Reich-Ranicki sprechen von einem allgemeinen Desinteresse an dem Auschwitzprozeß und an ähnlichen Prozessen. Reich-Ranicki ruft die deutschen Schriftsteller – auch die jüngeren unter ihnen – zu einer Stellungnahme auf.

Aber mit welcher Berechtigung wirft er sich zum praeceptor Germaniae poetarum auf? Bedarf es seiner, um das Gewissen eines Grass, Richter, Krolow, Bobrowski zu wecken? Haben sie alle veimittels ihrer Werke nicht das Ihre zum Thema beigetragen? Außerdem hielt eine allgemeine Scheu vor Bekenntnissen und Manifesten sicher vide von einer persönlichen öffentlichen Äußerung über den Auschwitzprozeß ab.

Um es ohne Umschweife zu sagen: Ich habe ein immenses Interesse am Auschwitzprozeß, an jeden Bericht, an jeder Verhandlung über die Verbrechen unter dem NS-Regime. Diese Prozesse dürften nicht im Sande verlaufen. Die Schuldigen dürfen nicht entkommen, sie dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen. Der „Vorhang der Geschichte“ darf sich nach dem Auschwitzprozeß nicht schließen, wie Krüger es fürchtet. Wenn der Staat anfängt, die Verbrechen der NS-Zeit zu ignorieren, wenn die Mitbürger das Interesse an diesen – wie es scheint nicht ohne Schwierigkeiten anlaufenden – Prozessen verlieren, dann wird die Gerechtigkeit in unserem Land zu einer Farce entwürdigt.

Leider verdünnt Reich-Ranicki seine Forderung wieder, indem er schreibt: „Ich denke nicht daran, die deutschen Schriftsteller zum Besuch der Frankfurter Prozesse zu ermahnen.“ Warum ermahnt er nicht? Warum schickt man keinen Schriftsteller zu diesem Prozeß, man schickt sie doch auch – und das ist gut – zu Olympischen Spielen. (Vielleicht hätte man früher damit beginnen sollen. Valéry, Eliot, Steinbeck auf den Olympischen Spielen 1936. Wer weiß.)

Sehr zu Recht allerdings wehrt sich Reich-Ranicki gegen ein tagespolitisches Soll des Schriftstellers. Politik ist heute ein Spezialgebiet, das spezielle Kenntnisse verlangt. Wir haben vor einiger Zeit beobachtet, wie der Präsident einer Weltmacht in zwei wichtigen Fällen seine Unwissenheit eingestehen mußte. Wie sollte da ein Schriftsteller an politischer Initiative anderes zuwege bringen als wohlmeinenden Dilettantismus? Außerdem haben sich die literarischen Werte in einer Weise von denen der Politik entfernt, daß beide nicht mehr miteinander kommunizieren.