L. F., Trier

Zu Apach an der Mosel, einem sonst friedfertigen Lothringer Grenzdorf, war die Putzsucht ausgebrochen. Häuser wurden frisch gestrichen, Straßen ausgebessert und Fahnenmaste in den Boden gerammt. Die Fahnen, blau-weiß-rot, rot-weiß-blau und schwarz-rot-gold, waren unentbehrlich. Ihre längs- und quergestreifte Pracht sollte jeden Tag verschönen, an dem die tausend Seelen zählende Gemeinde einen Stammplatz in der europäischen Geschichte bekam: Am 26. Mai bestiegen Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle, Großherzogin Charlotte von Luxemburg und Bundespräsident Heinrich Lübke in Apach das weiße Passagierschiff „Straßburg“, um die Vollendung eines gemeinsamen Werks ihrer Länder zu feiern – die Schiffbarmachung der Mosel von Thionville bis Koblenz.

Das imposante Wort „Schiffbarmachung“ ist indessen nicht ganz korrekt. Schiffbar war diese Moselstrecke schon vorher. Aber die Wasserstände schwankten so sehr, daß in der Trockenzeit nur ganz flache Kähne genügend Wasser unter den Kiel bekamen. Um den Fluß bis nach Frankreich hinein dauernd passierbar zu machen, mußte er an dreizehn Stellen gestaut, seine Fahrrinne auf 2,90 Meter vertieft und auf 40 Meter verbreiten werden. Die größten Hoffnungen auf die Flußregulierung setzte Lothringens Schwerindustrie. Für sie bedeutete die ganzjährig schiffbare Mosel den ersehnten billigen Wasserweg, auf dem sie Kohle und Erz ins Ruhrgebiet und zu den Nordseehäfen befördern wollte.

Der günstigste Zeitpunkt zur Verwirklichung dieses Wunsches kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei den deutsch-französischen Verhandlungen über die Angliederung des Saarlandes an das Bundesgebiet spielten das Mosel-Projekt und die Oberrhein-Regulierung eine wichtige Rolle. Am 27. Oktober 1956 schlossen Frankreich, die Bundesrepublik und Luxemburg einen Staatsvertrag zur Schiffbarmachung der Mosel vom Industrierevier Thionville (Diedenhofen) bis zum Rhein bei Koblenz. Zur Finanzierung gründeten die drei Vertragspartner 1957 die Internationale Moselgesellschaft mbH mit Sitz in Trier.

Erleichtert wurde der Vertragschluß durch die finanzielle Fairneß der Franzosen: 271 Kilometer Flußlauf waren auszubauen. Davon liegen 206 Kilometer auf deutschem Gebiet. 36 Kilometer bilden die deutsch-luxemburgische Grenze. Nur 29 Kilometer sind französisch-luxemburgisches oder französisches Territorium. Von dreizehn notwendigen Staustufen – die vierzehnte bei Koblenz war unabhängig vom Gemeinschaftsprojekt schon 1951 fertig geworden – liegen neun in Rheinland-Pfalz, zwei an der deutsch-luxemburgischen Grenze und ebenfalls nur zwei in Frankreich. Trotzdem übernahmen die Franzosen als Hauptinteressenten widerspruchslos die Hauptlast der Kosten.

Am Stammkapital der Moselgesellschaft beteiligten sich Frankreich und Deutschland mit je 50 Millionen Mark. Luxemburg zahlte zwei Millionen Mark ein. Alle weiteren Kosten tragen zu zwei Dritteln die Franzosen und einem Drittel die Deutschen. Die Gesamtkosten, nach dem durchschnittlichen Preisindex beider Länder von 1956 ausgeknobelt, wurden optimistisch auf 370 Millionen Mark veranschlagt.

1957 rückten die Bautrupps an. Sie schaufelten 10 Millionen Kubikmeter Boden und Fels aus dem Flußbett, bewegten insgesamt 23 Millionen Kubikmeter Erde, verbauten 820 000 Tonnen Beton und Stahlbeton. Sie bauten bei Trier, Detzem, Wintrich, Zeltingen, Enkirch, St. Aldegund, Fankel, Müden und Lehmen die neuen rheinlandpfälzischen, bei Palzem und Grevenmacher die zwei deutsch-luxemburgischen, bei Apach und Königsmachern die zwei französischen Staustufen und regulierten damit ein Flußgefälle von 84 Metern zu einem breiten, ruhig fließenden Fahrwasser. Jede Staustufe besteht aus einem Wehr mit drei, oberhalb von Trier nur mit zwei Wehröffnungen von 40 Meter Breite und einer 165 Meter langen und 12 Meter breiten Schiffahrtsschleuse, dazu jeweils einem Fischpaß, zwei Aalröhren und einer Bootsschleuse für die Paddler. An den neun deutschen und den beiden luxemburgischen Staustufen installierte die Mosel-Kraftwerke GmbH Turbinen. Zusammen mit der Leistung des schon seit 1951 arbeitenden Koblenzer Kraftwerks werden sie ab 1966 jährlich 870 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen.