R. B., Berlin, im Mai

Es scheint, daß Walter Ulbricht, der den Gewerkschaftsjournalisten Heinz Brandt soeben aus dem Gefängnis entließ, noch anderen Gefangenen die Freiheit geben will. Bewährte Informanten prophezeien, ihre Zahl werde um so größer sein, je mehr sich etwas wie Entspannung im gesamtdeutschen Räume realisiere. Indessen registriert man in Ostberlin jede polemische Äußerung, die sich auf Brandts Schicksal bezieht.

Kaum hatte er die Zuchthaustore hinter sich, konnte man hören: hier habe sich der Druck ausgewirkt, den die internationale Öffentlichkeit ausübte. Das gleiche Argument führen auch kommunistische Zeitungen bei jeder Entlassung eines in Westdeutschland inhaftierten Kommunisten an.

Die Geschichte vom Erfolg des „Drucks“ wird jedoch nicht dadurch wirksamer, daß jeder sie von anderen erzählt.