Von Robert Neumann

Wären Zeitungsleser nicht völlig gedächtnislos, so erinnerten sich vielleicht ein paar noch an meinen Bericht über den Anfang der Aktion: Er zog mir damals die lautstarke Ungnade unserer Kalten Krieger zu.

Der Eichmann-Prozeß lief noch – da wurde ich von protestantischen Studenten, dem Clausthaler Wingolf, nach Marburg eingeladen und diskutierte dort mit etwa siebenhundert jungen Menschen das Thema „Was geht uns Eichmann an?“. Es war eine gespannte Atmosphäre, kurz zuvor war dort Dr. Dieckmann, Volkskammerpräsident aus der DDR, von Rowdys aus Stadt und Land getrieben worden, und die Marburger Professoren begegneten mir mit Mißtrauen: Ich hatte einen Hitler-Film gemacht, einen Hitler-Bilddokumentationsband publiziert – vielleicht war auch ich ein östlicher Unterwanderer.

Nun, ich war es nicht; die Veranstaltung wurde geleitet vom ehemaligen Dekan der Universitätskirche Dr. Ritter, einem militanten Christen, der es unter den Nazis schwer gehabt hatte; neben vielen Studenten beteiligte sich Professor Abendroth an der Diskussion – der einzige Professor offenbar, der mich nicht des Linksintellektualis-; mus verdächtigte; und diese Diskussion war fruchtbar und aufschlußreich.

Eine Weile später wurde ich nach Ostberlin eingeladen, und an meine Zusage knüpfte ich den Wunsch, den Ostberliner Studenten Wort für Wort das zu sagen, was ich denen in Marburg gesagt hatte, und ihnen das Band aus Marburg vorzuspielen. Man war sofort einverstanden, man gab mir den Senatssaal der Humboldt-Universität – wesentlich kleiner als das Marburger Auditorium Maximum, aber erfüllt mit zum Teil offenbar sehr qualifizierten Hörern: höheren Semestern, Historikern, Pädagogen, politischen Wissenschaftlern. Auch hatten hier die Professoren weniger Angst, von mir unterwandert zu werden – Girnus, Wieland Herzfelde, Kamnitzer beteiligten sich neben vielen Studenten an der Diskussion, auch Dieckmann, dem man in Marburg so übel mitgespielt hatte und der wußte, daß ich das Ostberliner Band nach dem Westen zurückbringen wollte.

Es handelte sich bei mir also um die Anzettelung einer Diskussion zwischen zwei Universitäten, West und Ost, unter Umgehung der professionellen Politik. Mich selbst betrachtete ich dabei bloß als (hoffentlich) ehrlichen Mittler.

Was ich über Eichmann und Antisemitismus sagte, in Marburg wie in Ostberlin, bewegte sich in konventionellen Bahnen; unnötig, darüber zu sprechen. Ich wählte gerade dieses Thema, weil es mir besser als jedes andere die Möglichkeit zu bieten schien, den Phrasen des Kalten Krieges aus dem Weg zu gehen. Hier traf ich den gesamtdeutschen allergischen Punkt – Ost wie West. Das mußte nicht kontrovers sein von Anfang an. Und auch daß die Leute drüben als marxistisch Geschulte den Antisemitimsus nicht als ein isoliertes Naturphänomen sahen, sondern als Symptom und Gradmesser dessen, was sie Faschismus nennen – wozu sie noch darauf hinweisen, daß hier im Westen Judenhaß sich alarmierenderweise umsetze in ebenso irrationalen und mordlüsternen Kommunistenhaß – auch das ergab Erkenntnisse und Behauptungen, die es sich sehr wohl zu diskutieren lohnte.