Jemand, der es wissen mußte, hatte mir gesagt: „Wenn Sie diesmal nach Irland fahren – dann nach Parknasilla – das beste Hotel, die überraschendste Vegetation, die größte Ruhe.“ Parknasilla, im äußersten Südwesten Irlands ist kein Dorf, nur ein Ferienplatz. Er ist am leichtesten auf den Prospekten der sieben Great-Southern-Hotels zu finden, die von der C. I. E., der Irischen Staatsbahn- und Verkehrsgesellschaft, betrieben werden. Auf dem berühmten Ring of Kerry, der 110 Meilen langen Autostraße, welche sich an der malerischen Küste Weetcorks und Kerrys entlangzieht und das binnenländische Killarney einschließt, gibt es drei Great-Southern-Hotels: in Killarney, Kenmare und Parknasilla. Die vier andern befinden sich entlang der Westküste. Sie gehören der Luxuskategorie an. Der Prospekt des Parknasilla – Hotels rühmt „das subtropische Klima, die Küche und den Weinkeller, an die man sich noch lange sehnsüchtig zu erinnern pflege“.

Wie kommt man nach Parknasilla? Mit dem Flugzeug nach Cork oder nach Shannon, am besten mit Aer-Lingus nach Cork. Von dort könnte man mit der Eisenbahn nach Killarney fahren, dann für vier Pfund (ein irisches Pfund = 10,95 Mark) mit dem Taxi nach Parknasilla. Ich fuhr mit dem Hotelauto vom Flughafen Cork für neun Pfund, von Shannon aus kostet es zwölf Pfund. Die Einsamkeit eines Platzes ohne Bahn- und Busstation wie Parknasilla wird also teuer erkauft. Verständlich, daß viele Reisende sofort am Flughafen einen Wagen für den ganzen Aufenthalt mieten. Preise: wöchentlich, je nach Größe und Marke, 12 bis 19 Pfund, zuzüglich drei Pfund Anmietegebühr und Versicherung. Für mehrere Personen zweifellos das Richtige, ebenso richtig ist es, den eigenen Wagen mitzubringen. Überall gibt es Bauernhäuser, die Bett, Tee und Frühstück anbieten. Um es vorwegzunehmen: in Irland sollte man nicht wochenlang am selben Ort bleiben, sondern umherfahren.

Die Fahrt von Cork nach Parknasilla war verregnet, verregnet waren auch die drei Wochen, die ich dort verbrachte. Im ganzen hatte ich sechs regenlose Tage – im Juli. Die blauen Seen und Himmel der irischen Reiseprospekte halten sich eben an die Ausnahmen. Wer nach Irland fährt, tut gut, Regenkleidung und Wolljacken mitzunehmen und so zu tun, als ob das Wetter nicht vorhanden sei außer in der Konversation. Nirgends in der Welt habe ich „nice day to-day“ so oft gehört wie in Irland.

Um Parknasilla gibt es nur versteckte Landsitze. Der nächste Ort ist Sneem, fast drei Kilometer entfernt. Der große Komplex des im Anfang dieses Jahrhunderts erbauten Great-Southern-Hotels und sein subtropischer Park liegen direkt an der Kenmare-Bucht des Atlantik. Die Küste ist tief zerklüftet, zahlreiche Halbinseln, viele Inselchen liegen hintereinander und täuschen Seen vor. Vom Hotel hat man einen großartigen Blick über diese tiefgekerbte Küste, die wiederum begrenzt wird durch die Berge von Kerry, die höchsten Irlands. Sie sind vielleicht so hoch wie der Odenwald, aber fast alpin, mit Felsen und spärlicher Vegetation. Dazu bildet der riesige subtropische Park von Parknasilla einen starken Kontrast: Palmen- und Bambushaine, Rhododendron- und Fuchsienhecken, nein – Wälder, haushoch, meilenlang, Eichen, Pinien, Geißblatt, Ilex, Jasmin, Fingerhüte, alles undurchdringlich verwoben zu wahren Dornröschenwäldern. Inmitten dieses Dschungels das feuchte Grün des Golfplatzes, ziemlich hügelig, immer mit märchenhaften Ausblicken auf diese irische Riviera. Unversehens stößt man im Park auf die schöne Ruine eines englischen Schlosses, das 1922 von den Iren verbrannt wurde. Es gibt einen Tennisplatz, Strandkabinen für die wenigen Bademutigen, Motorboote, die man zum Angeln oder für Fahrten mieten kann.

Das Hotel hat 85 nicht sehr moderne Zimmer, 40 mit Bad. Viele betrachten, wie in England, das Frühstück als die beste Mahlzeit des Tages. Die Grundbestandteile der irischen Küche: Fleisch, Fische, Butter, Milch, Rahm, Eier gehören zu den vorzüglichsten der Welt. Warum die Iren, die der englischen Sprache das Wort to blarney geschenkt haben – was so viel heißt wie beredt sein, Phantasie im Reden entfalten – warum die lebhafte Imagination der Iren sich nur in der Literatur, aber nicht in der Küche entfaltet, ist rätselhaft. Daß Bier und Whisky lauwarm sind, erhöht vielleicht ihre Bekömmlichkeit. Der Irish Coffee: Kaffee, Whisky, Zucker, Schlagrahm findet seine Liebhaber. Ich hielt mich an die zu relativ günstigen Preisen erhältlichen Bordeaux und Burgunder. Pensionspreis: 25 Guinees wöchentlich, das sind etwa 40 Mark täglich.

Niemals habe ich soviel und so junges Personal wie im Hotel in Parknasilla gesehen, einschließlich der beiden Geschäftsführer. Sie waren Anfang zwanzig, wahrhaftig eine Bedienung durch Teenagers. In einem kleinen Laden können die Gäste einkaufen. Abends brennt in den Gesellschaftsräumen in vier Kaminen Torffeuer. Jeden Abend ist Tanz, einmal in der Woche wird ein Film vorgeführt. Die Abgeschiedenheit ist so groß wie auf einem Ozeanschiff. Wer nach Parknasilla fährt, tut gut, sich mit reichlicher Lektüre zu versorgen. Das Hotel hat keine Hotelbibliothek, man kann eine kleine sonderbare Auswahl englischer Paperbacks kaufen, auch Zeitungen. In der irischen Presse stehen seitenlange Berichte über Pferderennen, Segelregatten, Golf- und Tennisturniere, gesellschaftliche Ereignisse, Hochzeiten. Man gewinnt einen umfassenden Überblick über den lebhaften Grundstücksmarkt. Im irischen Parlament beschäftigte man sich mit der „deutschen Invasion“. Das alte Lied: das Geld des Käufers ist willkommen, nicht so sehr der Käufer. Oder doch? Die irische Wochenzeitschrift Hibernia würdigte die Fabrik und die Berufsschule für fünfzig Lehrlinge des deutschen Fabrikanten Liebherr in Killarney ausführlich. Fortschritt und irische Gemütsart sind nicht leicht vereinbar. Wenn man mit den Iren spricht, verklären sich deren Züge bei dem Wort leisure: Muße. Manches wirkt orientalisch. Aber in diese liebenswerte Gelassenheit ist ein Stachel gedrungen, sehr deutlich zu erkennen in einigen Interviews des irischen Fernsehens. Die Führer des politischen und kulturellen Lebens wissen, daß man die Emigration stoppen und das Land modernisieren und industrialisieren muß.

Auf der Straße nach Sneem trifft man kaum Autos. Dieser nahe Ort hat 250 Einwohner, mit den umliegenden zerstreuten Höfen vielleicht 400 Einwohner und ebenso viele Kneipen wie Häuser. Unter einer alten Brücke rauscht zwischen Felsen der Fluß Sneem in die Bucht von Kenmare. Die Häuser sind einstöckig, manchmal rosa oder grün oder hellblau gestrichen. Mitten auf den Straßen liegen die Hunde, gehen Kühe und Schafe. Die Läden sind Fundgruben, vor allem für Soziologen. In einem Laden mit Tweed und allerlei Textilien fand ich plötzlich unter Wolldecken und Strickjacken eine große frische Hammelkeule, in den Metzgerläden Stilleben von Zwiebeln, riesigen Fleischstücken, Aschenbechern und Tüchern. Die Kolonialwarenläden führen Bücher, Stoffe, Lebensmittel, alles in malerischem Durcheinander. Die Dorffriseuse – Hairstylist – wirkt in einem Lebensmittelladen. Die Anrede „Dear“ ist üblich. Alle sind freundlich. Standardeinleitung beim Einkauf: „Lovely day, dear.“ Das ist alles so gemütlich, so weltenfern, so ehrlich auch. Die Männer stehen herum, haben keine Eile und immer wieder hörte ich: „Wer die Zeit schuf, schuf viel, viel Zeit.“