Golf ist kein Murmelspiel

Von H. M. Nieter O’Leary

Auf einem Golfplatz, unweit einer Landstraße, frönten vier Männer eifrig ihrem Spiel. Plötzlich hielt einer der Spieler mitten in einem schwungvollen Drive inne, nahm seinen Hut ab und blickte ernst auf die Straße, wo gerade ein Leichenbegängnis vorbeizog. Seine Mitspieler waren verwundert, und als der Trauerzug vorüber war, fragten sie ihren Freund, ob er immer so respektvoll im Angesicht des Todes wäre. „Nein“, antwortete er, „und entschuldigen Sie bitte die unliebsame Unterbrechung im Spiel, aber das war meine Frau.“ Diese schottische Golfgeschichte ist zwar etwas herzlos, aber treffend.

Wenn man einen passionierten Golfspieler fragt, weshalb ihn das Spiel so gefangen nimmt, wird er antworten: „Weil es der schwierigste Sport ist.“ Vielleicht ist es nicht der schwierigste, sicherlich aber der Sport, der am meisten die Selbstkritik des Teilnehmers herausfordert. Der Golfspieler wird stets an seinen eigenen Leistungen etwas auszusetzen haben und versuchen, die Fehler zu beseitigen. Golf gehört tatsächlich zu den schwierigsten Sportarten, weil der Spieler, selbst bei dauernder Übung, seine Höchstleistung nur selten erreicht. Aber selbst bei bester Form sind die Spielzufälle so groß, daß individuelle Höchstleistungen zu den Ausnahmen gehören. Der Anreiz zur Vollendung wird daher oft zur Leidenschaft.

In Schottland demokratisch

Von NichtSpielern wird Golf oft als ein „kompliziertes Murmelspiel“ abgetan oder als etwas blöder Zeitvertreib für erwachsene Menschen, die mit einem Stock einen kleinen Batt vorwärtsbewegen. Nichts ist verkehrter als diese Ansicht. Die Kritiker sollten erst einmal selber versuchen, den kleinen Ball überhaupt zu treffen. Um es gleich zu sagen, Golf ist ein Sport, der höchste Anforderungen an die Muskulatur und das Augenmaß stellt. Notwendig ist auch ein gutes Berechnungsvermögen und last not least, gute Marschierbeine, denn ein Durchschnittsspiel erstreckt sich auf viele Kilometer. Als Gegenleistung für alle Selbstkritik und Fehlleistungen gibt die Golfgöttin ihren Anhängern geschmeidige Rücken, sicheres Augenmaß, ausgebildete Arm- und Handmuskeln. Einen Golfschläger, der mit richtigem Fingergriff gehalten wird, können neun Männer nicht entreißen.

Seit etwa vierhundert Jahren ist Golf (sprich Goff) ein schottischer Volkssport und breitete sich von dort über fast alle angelsächsischen Länder aus, um hier mit der gleichen Begeisterung gespielt zu werden. Golf ist ein demokratischer Sport. Der schottische Feudalherr spielt mit dem Bäckergesellen aus dem Dorf, der Kaufherr mit dem Lehrling. Mitunter fragt es sich jedoch, ob der Lord gut genug spielt für den Bäckergesellen und dieser den Feudalherrn überhaupt zum Partner haben will. Allein die Qualität des Spielers zählt und nicht die gesellschaftliche Stellung. Dabei wurde Golf gar nicht in Schottland erfunden, sondern in Holland. Ursprünglich Kolf genannt, importierte König Jakob IV. das Spiel nach Schottland. Seit der Zeit haben die Schotten in ihren Herzen einen Platz für Holland reserviert. Auch die Golfsportindustrie denkt liebevoll an Holland. Um gleich einige Zahlen zu nennen: Golfspieler benötigen rund 20 Millionen Golfbälle jährlich, etwa zwei Millionen Golfschläger aller Arten und haben außerdem einen Riesenbedarf an Golfschlägerbehältern, Wägelchen usw. Außerdem stimuliert Golf einen ganzen Zweig in der Sportbekleidungsindustrie. Die häufig etwas outrierte Kleidung wird jedoch meistens nach den Ländern des Kontinents exportiert. Merkwürdigerweise hat dort häufig die Mitgliedschaft in einem Golfklub weniger mit dem Spcrt zu tun, sondern wird zum Standessymbol. Vermutlich liegt es jedoch daran, daß die Golfplätze auf dem Kontinent dünn gesät sind und sich dadurch eine gewisse Exklusivität entwickelte.