Von Johannes Jacobi

An 29. April 1964 muß im Zuschauerraum des Berliner Schillertheaters Euphorie ausgebrochen sein. Das jüngste deutsche Bühnenstück mit dem längsten Titel hatte bei seiner Uraufführung sensationellen Erfolg. Daß der Autor Peter Weiss von epischer Erzählweise her zum Theater vorgestoßen ist, deutet schon das Monstrum seines Stücktitels an. Er lautet vollständig: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade.“ –

Eine blendende Inszenierung von Konrad Swinarski, an der drei Monate lang geprobt worden sein soll, schlug die Premierenbesucher in Bann. „Auswärtige Kritiker waren reihenweise angereist“ berichtete die Berliner Zeitung „Der Abend“. „Sie wurden flankiert von den literarischen Kumpels der ‚Gruppe 47‘. Der Suhrkamp-Verlag rief – und alle, alle kamen.“

Den „nicht enden wollenden Ovationen“ durch das Publikum entsprach dann der Jubelchor, zu dem sich eine Reihe von Kritikern vereinte.

Trotzdem ließen sich nicht alle Rezensenten so weit hinreißen wie die Berliner Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, Karena Niehoff. Sie schrieb: „Es ist tatsächlich seit Brechts Tod das erste bedeutendere Bühnenwerk eines Deutschen; das erste, das vielleicht aus der bundesdeutschen Enge in die Welt ausbrechen könnte.“

Als solche Prophetie zu Papier gebracht wurde, hatte der Suhrkamp-Verlag bereits wissen lassen, daß Peter Weissens Marat-Moritat für London, Lyon, Warschau und Stockholm schon „angenommen“ worden sei...

Suhrkamps Mannen sammelten die Stimmen, zählten, wählten und exzerpierten ausschließlich zustimmende Sätze auch aus solchen Kritiken, in denen Vorbehalte angemeldet worden waren. Auf fünf eng getippten Seiten Reklame, die flugs verschickt wurden, ist kein einziges einschränkendes Wörtchen zu lesen. Das sind seltsame Praktiken eines so renommierten Verlages.