Wissenschaftler warnen vor interplanetarischen Infektionen

Von Werner Büdeler

Mäuse, Taufliegen, Bakterien und Samen von Weizen, Zwiebeln und Karotten flogen an Bord der sowjetischen Raumkapseln mit, weil man erforschen wollte, wie sich Raumflüge auf jene biologischen Faktoren auswirken, die man am Menschen nicht untersuchen kann. So mußten die sowjetischen Astronauten Nikolajew und Titow während ihrer Satellitenflüge männliche und weibliche Taufliegen, die in zwei getrennten Behältern untergebracht waren, zusammenschütten, um ihnen Gelegenheit zur Paarung zu geben. Fernerhin gehörte es zu den Aufgaben der sowjetischen Astronauten, junge Triebe der Ampelpflanze Tradescantie zu pflegen.

Als Ergebnis dieser Experimente stellte sich heraus, daß bei einigen der an Bord der Raumkapseln mitgeführten Lebewesen Veränderungen in der Struktur des Erbgutes aufgetreten sind. So beobachteten die sowjetischen Forscher bei der Tradescantie Umgruppierungen der Chromosomen, Störungen bei der Teilung des Zellkerns und Abweichungen im Wachstumsprozeß. Bei 482 neugeborenen Taufliegen, die aus dem Paarungsexperiment hervorgingen, wurden vier verschiedene Verwachsungen festgestellt, die seltsamerweise immer nur eine Körperhälfte betrafen. Bei einigen fehlte eine Hälfte des Brustteils, andere kamen mit einem verkleinerten und entstellten Auge auf die Welt oder mit einem Flügel, der verkürzt war; bei manchen verliefen an einer Seite die Nervenstränge abweichend.

Bedenkliche Ohrenschmerzen

Diese Mißbildungen scheinen allerdings nicht erblich zu sein. Ihre Ursache ist noch nicht bekannt. Es kann sich um Auswirkungen der Schwerelosigkeit oder der Beschleunigung, der ionisierenden Strahlen, der Vibrationen während des Fluges und noch anderer Faktoren handeln. Jedenfalls liegen diese sowjetischen Beobachtungen in der gleichen Linie mit Resultaten amerikanischer Wissenschaftler aus Laboratoriumsexperimenten, Versuchsflügen und an biologischen Präparaten, die künstlichen Erdsatelliten mitgegeben wurden. Im Argonne National Laboratory zum Beispiel versuchte man bei bestimmten Pflanzen einige Erscheinungen der Schwerelosigkeit dadurch zu simulieren, daß man sie in Rotation versetzte. Diese Behandlung hatte teils langsameren .Wuchs und eine geringere Blattanzahl, teils eine erweiterte Blattstruktur zur Folge.

Diese und ähnliche, auf dem fünften COSPAR-Symposium – einer Tagung des Internationalen Komitees für Weltraumforschung – in Florenz vorgetragenen Forschungsergebnisse weckten das Interesse der Fachleute um so mehr, als sich in letzter Zeit jene Stimmen mehren, die es nicht für Zufall halten wollen, daß bereits drei der sechs amerikanischen Astronauten, die bisher die Erde umkreist haben, an Infektionen des Mittelohres leiden. Wohl versichert der sowjetische Bericht der Gelehrten Sisakian, Gazenko und Antipov über die biologischen Forschungsergebnisse der Wostok-Raumflüge, daß die bisher durchgeführten bemannten Flüge keinerlei negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Kosmonauten gehabt hätten. Aber die Russen machen immerhin die Einschränkung, daß damit noch nichts über länger dauernde Flüge des Menschen ausgesagt sei. Die Mittelohrinfektionen der drei amerikanischen Raumflieger waren nicht offizielles Gesprächsthema des Kongresses, um so mehr jedoch unterhielten sich die Teilnehmer inoffiziell darüber. Schließlich spielt das innere Ohr als Sitz unseres Gleichgewichtssinnes im Zusammenhang mit der Schwerelosigkeit eine besondere Rolle.