P. St., München

Es regnete am Tegernsee. Es regnete ohne Unterbrechung, wenn auch mit wechselnder Stärke. Unter solchem Himmel ist es selbst am Tegernsee schwer, freundliche Gedanken zu hegen, geschweige denn Optimismus auszustrahlen.

Am Tegernsee, genauer: auf dem Ackerberg, war eine bundesrepublikanische Gipfelkonferenz angesagt. Auf dem Ackerberg, dem Wohnsitz des Bundeskanzlers Ludwig Erhard, sollten sich ein paar Staatssekretäre, die ehemaligen Minister Barzel und Strauß und der amtierende Außenminister Schröder treffen. Behufs Aussprache in außenpolitischen Dingen. Es wurde zwar überall betont, daß keinerlei Meinungsverschiedenheiten bestünden, man wollte sich jedoch zusammensetzen, um das nicht Bestehende dennoch aus der Welt zu schaffen.

Um das große Ereignis in einen gebührenden Rahmen zu setzen und um die Sicherheit aller Prominenten lückenlos zu garantieren, hatte man Polizeiverstärkungen von weither geholt. Die braven Polizisten machten in Privatgesprächen keinen Hehl daraus, daß sie bei diesem „Sauwetter“ lieber in der heimatlichen Revierstube säßen oder gemächlich Streife führen. Aber Dienst ist Dienst. Die Angehörigen der Bonner Sicherungsgruppe, die zum Tegernsee beordert worden waren, bewahrten da schon etwas mehr Haltung. Sie wußten schließlich, was auf dem Spiel stand.

Die Journalisten warteten. Sie bekamen herzlich wenig zu sehen und zu hören. Da kam Rainer Barzel und fuhr wieder weg. Dann fuhr der Bundeskanzler schnell einmal „ins Dorf“ und kam zurück. Am Nachmittag rollte Franz Josef Straußens Wagen den Berg hinauf. Weil er nicht aus der erwarteten Richtung kam, brauchte er erst ganz spät Haltung vor den Wartenden anzunehmen. Anderntags kam dann auch noch Gerhard Schröder. Und keiner sagte den Zeitungsleuten mehr als ein Wort.

So hielten sich die Reporter an des Kanzlers persönlichen Referenten Dankmar Seibt. Der versuchte unablässig abzuwiegeln: Unterredungen wie sie hier in Erhards Bungalow über die Bühne gingen, seien doch schließlich in Bonn gang und gäbe. Die Politik wechsle nun einmal, und man müsse sich von Zeit zu Zeit zusammensetzen, um die Lage zu besprechen. Diese Tegernseer Konferenz sei irgendwie hochgespielt worden.

Wer hatte nun wohl die Tegernseer Konferenz hochgespielt? Die Frage wurde weder draußen am Ackerberg noch in Bonn beantwortet. War es vielleicht wieder einmal die Presse? Oder waren es die berühmten Sprecher der Bundeshauptstadt, die unklare Dementis oder Erklärungen abgaben? Wer draußen im Regen am Tegernsee wartete, hatte einfach keine Lust, allzu lange über diese Frage zu debattieren. In der Münchner Lazarettstraße, dem CSU-Hauptquartier, sah man dem ganzen Treiben zumindest amüsiert zu, wenn nicht sogar freudig gestimmt. Denn mochte es „draußen“ laufen wie es wollte: die CSU – genauer gesagt: ihr Vorsitzender Strauß – war nicht nur im Gespräch, sondern er war dabei.