Die Anschauung wird ursprünglich – lange bevor das Denken existiert – aus den von außen kommenden Informationen aufgebaut. Es entwickelt sich das raumzeitliche Modell. Dies wiederum befähigt die Lebewesen, Informationen aus der Umwelt weit umfassender auszuwerten. Es füllt sich das Gehäuse unserer Anschauungen im Laufe unseres Lebens mit all den Informationen, die wir auf der Grundlage dieses raumzeitlichen Modells ausgewertet haben. In unserem Bewußtsein baut sich ein anschauliches Bild der Welt auf, eine Weltanschauung.

Dies ist zugleich ein Prozeß des Sehenlernens. Das Sehenlernen vollzieht sich nicht nur vermittels unserer Augen. Es vollzieht sich im Zusammenwirken mit allen anderen sinnlichen Wahrnehmungen, ganz besonders aber im Zusammenwirken mit unserer praktischen Tätigkeit. Die optische Wahrnehmung ist ja eines der wichtigsten Mittel, um den Erfolg unserer Tätigkeit zu kontrollieren.

Wer einmal als Nichtjäger mit einem Jäger auf die Jagd gegangen ist, wird es bestimmt erlebt haben, wie der geübte Jäger ständig Rehe und Hasen im Walde sieht, während der Nichtjäger nur Bäume und grünes Gras im Walde wahrnimmt. Mit großer Geduld muß der Jäger ihm das Reh zeigen, das in nächster Nähe vor ihnen steht. Das Sehen ist eben keineswegs ein photographischer Prozeß, der sich von der Netzhaut in unser Bewußtsein fortpflanzt. Es ist ein äußerst aktiver, unseren Verstand und unser Bewußtsein mit einbegreifender Prozeß.

Wie alles Lernen vollzieht sich das Sehenlernen durch Speicherung von Informationen, das heißt mit Hilfe des Gedächtnisses. Neue optische Eindrücke werden ständig mit früheren verglichen und an ihnen geprüft. Das Anschauungsbild, das wir von der Wirklichkeit haben, ist nicht identisch mit der Wirklichkeit, sondern es stellt schon als solches eine Abstraktion von der Wirklichkeit dar. Sehen lernen heißt ja lernen, ganz bestimmte Gestalten in der Wirklichkeit wiederzufinden und wiederzuerkennen. Hierzu werden die ankommenden optischen Eindrücke in unserem Zentrum mit einem ganzen Arsenal von Mustern von Gestalten nacheinander verglichen, bis wir Übereinstimmung der aufgenommenen Bildform mit einer der in unserem Zentrum gespeicherten abstrakten Gestalten feststellen. Erst dann sehen wir den Gegenstand überhaupt. Um einen Gegenstand wahrnehmen zu können, müssen also diese in unserem Zentrum gespeicherten Gestalten bereits vorliegen. Diese Tatsache bedingt den abstrakten Charakter unseres Anschauungsbildes.

Sehen lernen stellt also nichts anderes dar als den Aufbau eines sich ständig erweiternden Speichers abstrakter Formelemente und Gestalten.

Diese Zusammenhänge sind von großer Bedeutung für das Verständnis von Werken der bildenden Kunst. Lange Zeit herrschte die naive Meinung, daß ein Gemälde danach streben müsse, eine möglichst naturgetreue Wiedergabe wirklicher Erscheinungen zu sein, so daß der Beschauer das Bild für Wirklichkeit halten könnte. Dieses Bestreben ist aber dem, was im Sehprozeß tatsächlich vor sich geht, ganz zuwider. Je mehr nämlich ein wirkliches Bild identisch wird mit der Wirklichkeit, um so schwerer ist es erkennbar. Es hat ja gerade dann all die Eigenschaften, die die Wirklichkeit selbst hat, nämlich das Verwirrende, Zufällige und Mannigfaltige, das nur dem Geübten in seinem Wesen durchschaubar ist. Die Erfindung der Photographie, die das Ziel ja viel vollkommener und leichter erreicht, war darum für eine ganze Generation von Malern ein furchtbares Erlebnis. Es verhalf ihnen zu der Erkenntnis, daß Naturalismus eine Verfallserscheinung ist, die dem Wesen der Kunst zutiefst widerspricht. Das Bild des Künstlers soll nicht die Wirklichkeit reproduzieren, sondern soll uns befähigen, die Wirklichkeit leichter, direkter, das heißt abstrakter zu erkennen.

Diese Forderung nach Abstraktheit gilt übrigens nicht erst für die moderne Kunst, von der man sagt, daß sie eine abstrakte sei, sie gilt schon für die Kunst seit ihren Uranfängen. Ich denke an die Höhlenbilder der Urmenschen, die man in Spanien und in Frankreich gefunden hat, auf denen Wisente, Elche und andere Tiere, die damals der Urmensch gejagt hat, in herrlichen Farben dargestellt sind. Diese Bilder waren nicht nur die Produkte künstlerischer Phantasie und Zeugen der Freude des Menschen an mit eigener Hand gestalteten Bildwerken, wenngleich dies sicher auch damals schon ein wesentliches Element künstlerischer Tätigkeit war, sondern sie dienten Zugleich ganz praktischen Zwecken des Unterrichts. Sie halfen, junge Jäger sehen zu lehren, damit sie das Wild im Wald in seinen typischen Stellungen sofort erkennen und sehen lernen. Darüber hinaus zeigen sie die Stellungen, in denen die Beute leicht zu jagen und zu erlegen ist.