Während man in der Bundesrepublik noch über Maßnahmen zur Dämpfung der Konjunktur berät, zieht die französische Regierung bereits eine erste Bilanz der Auswirkung der Stabilisierungsmaßnahmen vom September 1962. Finanzminister Giscard d’Estaing hat jetzt den alljährlichen „Rapport sur les Comptes de la Nation“ – Nationaler Rechenschaftsbericht – vorgelegt, der zeigt, daß die französischen Stabilisierungsmaßnahmen im großen und ganzen erfolgreich waren. Zwar ist die Aufwärtsbewegung der Preise nicht völlig zum Stillstand gekommen; im Laufe des letzten halben Jahres sind die Einzelhandelspreise nur noch um 1,2 Prozent gestiegen und während der vergangenen drei Monate sogar nur noch um 0,3 Prozent. Allerdings ist die Preisberuhigung zumindest zu einem Teil auf eine dirigistische Maßnahme zurückzuführen: auf einen amtlichen Preisstopp.

Die Lohnentwicklung hat sich gleichfalls beruhigt. Im April wies die Außenhandelsbilanz außerdem zum erstenmal einen Überschuß von 50 Millionen Francs auf. Die Regierung gibt sich mit dem bisher Erreichten jedoch nicht zufrieden, vielmehr hofft sie, die Entwicklung noch besser in den Griff zu bekommen, um ein „Durchgehen der Pferde“ endgültig zu verhindern.

Die Verbrauchssteigerung wird von den französischen Experten für das laufende Wirtschaftsjahr mit 3,6 Prozent gegenüber 4,2 Prozent im Vorjahr und 5 Prozent im Jahre 1962 vorhergesagt. Das wäre die geringste Verbrauchssteigerung in Frankreich der letzten fünf Jahre. Da bei einer so geringen Konsumzunahme Nachfrage und Angebot im Gleichgewicht bleiben, rechnet man dementsprechend nur noch mit einer Steigerung der Verbraucherpreise von 3,1 Prozent gegenüber 4,4 Prozent im Jahre 1962 und 5,1 Prozent im Jahre 1963. Die Einkommensteigerung soll nicht über 9,4 Prozent hinausgehen und damit weiter hinter der Zuwachsrate des vergangenen Jahres (13,9 Prozent) zurückbleiben.

Die französische Regierung ist sich darüber im klaren, daß sie ihren Wachstumsehrgeiz zurückstecken muß und ihr ursprüngliches Planziel nicht erreichen wird, wenn die Stabilität gewahrt bleiben soll. Statt einer Zuwachsrate der Industrieproduktion von 6 Prozent wird 1965 nurmehr mit einer Expansion von 4,5 Prozent gerechnet. Die französische Regierung gibt also der Stabilität den Vorrang vor dem Wachstum.

Auch die Finanzpolitik orientiert sich an dieser neuen Zielsetzung und legt sich entsprechende Beschränkungen auf. Der neue wirtschafts- und finanzpolitische Kurs veranlaßt französische Wirtschaftskreise bereits zu der Frage, ob sich die französische Regierung vielleicht gar auf dem Weg zu einer „Deplanifikation“ befindet. Man spricht bereits – hinter vorgehaltener Hand – davon, daß der vierte Plan vielleicht der letzte gewesen sei... Georges-Louis Puech