TANNHÄUSER

Von Richard Wagner Deutsche Oper, Berlin

Die Neuinszenierung einer romantischen Oper von Richard Wagner, erstmals nicht von Wieland Wagner geleitet: sollte die Berliner Sellner-Ära einen Wendepunkt erreicht, sollte die Berliner Oper sich auf ihre einstmals maßgebende Wagner-Tradition besonnen haben? Um nur am „Tannhäuser“ zu exemplifizieren: für die vorige Inszenierung von Heinz Tietjen hatte Emil Preetorius, den beengten Bühnenverhältnissen in der Kantstraße entsprechend, Dekorationen auf Goldgrund ersonnen. Mittelalterliche Schrifttafeln lieferten die Anregung. Wieland Wagner übernahm die Idee dieses „Goldgrund-Tannhäuser“ und wandelte sie für Bayreuth in seiner eigenen Zeichensprache ab. So zwingend waren Berliner Entwürfe sogar noch zu einer Zeit, als es schon das neue Bayreuth gab.

Wer jetzt auch nur den Anfang eines eigenen Berliner Wagner-Weges erwartet hatte, der wurde von dieser Neuinszenierung enttäuscht. Wieland Wagner muß sich für den Sommer einen neuen Bayreuther „Tannhäuser“ ausdenken. Inzwischen begnügte sich Sellner mit dem Regisseur Werner Kelch und dem Szeniker Hainer Hill. Was sie als „Tannhäuser“ auf die Bühne stellten, wie Kelch die kostümierten Kehlköpfe bewegte, das ist als Berliner Leistung indiskutabel. In Oldenburg, auch noch in Kiel wäre manche „Auflockerung“, etwa beim Sängerkrieg, als persönliche Regienuance bemerkenswert.

In Berlin lugte aus Hills konzeptionsloser Kombination von alt und neu überall Wieland Wagner hervor. Nur betreibt der Schockierer von Neubayreuth seine Eigenwilligkeiten konsequenter. Mit ihm kann man sich auseinandersetzen. Im technisch opulenten Hause an der Charlottenburger Bismarckstraße hatte ich immer nur Angst, ein Sänger könnte mal einen Fehltritt tun und stürzen. Was sich nämlich als Folge einer schätzungsweise vierziggradigen Bühnenschräge an Stufen und Gehwegen ergab, das war eine fast polizeiwidrige Fallenstellern.

Trotzdem fühlte ich mich, wenn ich wegsah, einige Male bis zur Erschütterung gepackt. Die Meriten dieser Aufführung sind musikalischer Art. Eugen Jochum ist eine ebenso faszinierende wie überraschende Interpretation der Partitur zu danken. Er dirigierte sie, als sei er zwanzig Jahre jünger, als er ist. Ruhig, doch zügig im Tempo, schlank in der Tongebung, mit weise dosierter Klangökonomie erschien bei Jochum die Dresdener Werkfassung, er breitete sie gleichsam als ein objektives Dokument aus. Das Orchester spielte unter diesem Meister in Hochform.

Auf der Bühne dominierte Hans Beirer. Sein Tannhäuser hat Seltenheitswert. In seiner heldentenoralen Echtbürtigkeit ist Beirer wahrscheinlich der beste Tannhäuser, den man augenblicklich irgendwo hören kann. Seine kongeniale Partnerin: Elisabeth Grümmer, eine Elisabeth, in deren registerloser Stimme ein Ton wie der andere sitzt und Geist die Jugend suggeriert. Weicher und resonanzreicher ist die „schwarze Venus von Bayreuth“, Grace Bumbry‚ geworden. Unter den übrigen, unterschiedlichen Solisten ragte (in der zweiten Vorstellung anstelle Josef Greindls) als Landgraf Martti Talvela hervor – ein junger, seriöser Baß, dem eine große Karriere bevorsteht. Der einzige, der mit Beirers Rang korrespondierte, war der Gesangschor unter Walter Hagen-Groll. Das Publikum im überfüllten Haus jubelte.

Johannes Jacobi