J. Sch., Walshington, im Mai

Der indische Verteidigungsminister Chavan äußerte in Washington die Befürchtung, die chinesischen Kommunisten könnten einen neuen Angriff auf die Nordgrenze Indiens im Sinne haben. In Tibet, so erklärte er, würden neue Straßen und Flugplätze angelegt und das Nachschubsystem ausgebaut. Zugleich bemerkte Chavan, die Angriffslust der Chinesen könne gewachsen sein, weil sich zwischen ihnen und Pakistan ein neues herzlicheres Verhältnis entwickelt habe.

Nachdem der Minister das der Presse mitgeteilt hatte, suchte er den amerikanischen Verteidigungsminister McNamara zum zweitenmal im Pentagon auf. Jedermann erwartete die Bekanntgabe eines neuen amerikanisch-indischen Waffenlieferungs-Abkommens. Doch es kam nicht dazu. Amerikaner und Inder, so hieß es, hätten sich noch nicht einigen können, welche Waffen aus Amerika geliefert werden sollen.

Die USA und das britische Commonwealth wollen Indien ausreichend bewaffnen, damit es einem neuen Vorstoß der Chinesen wie dem vom November 1962 standhalten kann. Daher haben die Amerikaner wie auch die Commonwealth-Länder an Indien bereits Waffen für 240 Millionen DM geliefert und sich schon zu weiteren Lieferungen für den gleichen Betrag verpflichtet; auch eine dritte US-Tranche von nochmals 240 Millionen Mark ist gesichert. Aber die Frage lautet: was geliefert werden soll?

Die Inder wollen so schnell wie möglich eine leistungsfähige Luftwaffe aufbauen und wollen von den Amerikanern Überschall-Düsenjagdbomber vom Typ F 104 G zum Preis von 1,3 Millionen Dollar. Washington ist dazu nicht bereit. Nach außen wird erklärt, das Flugzeug sei für die indische Luftwaffe zu teuer; Indien solle kein Rüstungsprogramm einleiten, das seine Wirtschaft gefährden könne. Dahinter steht aber die Sorge, das mit Neu-Delhi um Kaschmir verfeindete Pakistan könne sich noch enger an China anlehnen, wenn die Amerikaner die indische Luftwaffe modernisierten.

Die Entscheidung wird für die USA noch schwieriger, weil die Sowjetunion angeboten hat, in Indien gegen langfristige Kredite eine Fabrik zum Bau ihres schnellen Jagdflugzeuges Mig 21 aufzubauen. Einige dieser Maschinen sind bereits an die indische Luftwaffe geliefert worden. Außerdem exportierten die Sowjets Waffen für etwa 520 Millionen Mark nach Indien, also mehr als die USA und das Commonwealth zusammen. Neu-Delhi ist sichtlich darum bemüht, bei diesen Käufen zwischen Ost und West die Balance zu halten – kann das aber nur, wenn die Amerikaner ihre Skrupel überwinden, den Groll Pakistans in Kauf nehmen und die indische Luftwaffe eher als die Sowjetunion mit Düsenjägern ausstatten. So kommt es zu der merkwürdigen Situation, daß die großen Widersacher im Ost-West-Konflikt miteinander wetteifern müssen, um ein bündnisfreies Land gegen China zu bewaffnen und dabei in Gegensatz zu ihren Verbündeten geraten – die Russen gegen die Chinesen und die Amerikaner gegen die Pakistani.