Lewis Mumford: Die Stadt. Geschichte und Ausblick. Aus dem Amerikanischen. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 673 Seiten. 58,– DM.

Die zeitgenössische Architektur, die den Zustand der Welt widerspiegelt, ist ihrerseits im Zustand der Unschlüssigkeit und der Zwietracht. Die eine Partei, unter der Führung von Mies van der Rohe, baut vollklimatisierte Eispaläste für jungfräuliche Schneeköniginnen, eine andere, mit Le Corbusier an der Spitze, konstruiert romantische Grotten, in denen die Tristans und Isolden unserer Zeit wohl keine Liebestränke, indessen aber in finsterer Verlassenheit nukleare Gifte zechen mögen; eine dritte Partei ... fabriziert offenbar akrobatische Zelte für körperbehinderte Zirkusdarsteller“.

(Aus L. Mumford: Das Unesco-Gebäude in Paris.)

Es ist merkwürdig, daß es eine eigentliche Architekturkritik im öffentlichen Bewußtsein nicht gibt. Film, Theater, Buch und Konzert finden allgemeinhin sachverständige Kritiker, und die Kritiker finden Platz für ihre Kritik und finden Gehör – für die Beurteilung von Architektur ist sowohl der Kritiker wie der Platz für die Kritik noch die Ausnahme. Das gleiche gilt für die Stadtbaukunst, oder besser: für den Städtebau. Architektur und Städtebau stehen jedoch – in steigendem Maße besonders der Städtebau – im Blickpunkt weitgehend dilettantischen Feuilletons.

Es scheint zur Mode zu werden, über die Stadt, ihre Struktur, ihre Einwohner, deren Forderungen und Wünsche zu schreiben. Da melden sich die Romantiker, die nicht sehen wollen, daß sich die Gesellschaft, die heute „Stadt“ ist, „Stadt“ bildet – gegenüber der Zeit des Überganges von der landwirtschaftlichen zur industriell-bestimmenden Wirtschaftsform, der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, verändert hat. Sie suchen „Leben“ in den Arbeits-Städten der Verwaltungen, suchen es auf deren abendlich leeren Straßen – sie merken nicht, daß die „Gesellschaft“ andere, allerdings ungewohnte, „Verhaltensweisen“ inzwischen suchte und daß es heute gilt, dieser modernen Gesellschaft den Raum zur Selbstdarstellung anzubieten. Vergleiche hierzu die lautstarke Diskussion über Jane Jacobs: „Tod und Leben amerikanischer Städte.“

Da melden sich die großen Verbesserer der Welt. Sie setzen die – hier grün, dort rot oder sonst gefärbte – Brille auf, betrachten durch diese Brille gewisse geschichtliche Fakten und Abläufe, analysieren sie überscharf und destillieren sich den Menschen heraus, der ihrer Vorstellung vom „idealen Menschen“ am ehesten entspricht, suchen die Umgebung, die diesen Menschen etwa „erzeugt“ hat. Denn – das ermöglicht diese Form historischer Betrachtung – da gewisse gesellschaftliche Erscheinungsformen mit den Bildern der Städte und Häuser identifiziert werden können – die Gesellschaft bestimmt das Gesicht der Stadt – ist der Umkehrschluß nicht weit, daß nämlich die geplante Stadt auch den Mensehen, die Gesellschaft einem vorgeplanten Bilde zuführen kann.

Lewis Mumford gehört wohl zu dieser Gruppe des „Kulturfeuilletons“.