rob, Karlsruhe

Bürger der ehemaligen Residenzstadt Karlsruhe, denen es gelüstet, über die Stränge zu schlagen, finden in der heutigen „Residenz des Rechts“ nur geringe Möglichkeiten zu solchem Tun. Ein paar harmlose Bars und ein Altstadtviertel, das zwar „verrucht“, dafür aber auch außerordentlich primitiv und allenfalls als abschreckendes Beispiel für abenteuerlustige Damen zu gebrauchen ist, sind die einzigen Stätten, an den sich das abspielt, was man als Karlsruher „Nachtleben“ bezeichnen kann.

Sonst sind die Bürger der Fächerstadt und ihrer Umgebung darauf angewiesen, dem dolce vita in den Lichtspieltheatern nachzuhängen. Dazu bieten manche der Karlsruher Schausteller beachtliche Gelegenheiten. Mord, Totschlag und Sex zählen zu den bevorzugten Leinwandprogrammen.

An einem einzigen Tag im Mai konnte, man beispielsweise in Karlsruhe die vielgerühmten „schönen Stunden“ mit diesen Titeln erleben: „Der Schatz im Büstenhalter“, „Ein Ehebett zur Probe“, „Der Satan mit den 1000 Masken“, „Die grüne Peitsche“ „Das Messer im Wasser“, „Wer zuerst schießt hat mehr vom Leben“, „Die Rache des Mörders“, „Das Pendel des Todes“, „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, „Die Revolverhand“, „Mord am Canale Grande“, „Die 3 Unerbittlichen“, „Schüsse in Neu-Mexico“, „FBI räumt auf“ und – „Das Schweigen“.

Angesichts solcher Flimmerwand-Angebote brach Badens protestantischer Landesbischof D. Bender nun das Schweigen. Er verfaßte einen Rundbrief an die Seelsorger der ihm unterstehenden Gemeinden und forderte das Kirchenvolk zu „schlichter Askese gegenüber dem Film“ auf. Ein Teil unseres Volkes, so meint der Bischof, sei filmsüchtig, und einem Süchtigen könne man nicht mit „Maßhalten“, sondern allein mit „Abstinenz“ helfen. Wie die Seelsorger der Sucht begegnen können, ließ der Bischof auch wissen: „Wenn ich heute noch Gemeindepfarrer wäre, würde ich die Jugend auffordern, mit mir bis auf weiteres kein Kino mehr zu besuchen, solange Wildwest-Morde und schwüle Sexualität diese Rolle im Film spielen.“

Freilich fielen des Bischofs Worte auf keinen fruchtbaren Boden. Noch ehe nämlich der Rundbrief bekanntwurde, hatten Karlsruhes Filmtheaterbesitzer neue Knüller anpreisen können. Und das erwachsene Volk eilt, die „Tote von Beverly-Hill“ zu betrachten, während sich die Jugend schon am frühen Nachmittag bei „Old Shatterhand“ vergnügt; das „Schweigen“ läuft bereits in der elften Woche.

Der schwedische Film war es wohl auch, der den Landesbischof auf die Barrikaden getrieben hatte. Als einer der ersten Kirchenfürsten hatte er den Fehlschlag der angeblichen Gottsuche im Bergman-Opus entdeckt. Kirchliche Verlautbarungen zum „Schweigen“, so verkündete der Landesbischof vor seiner Synode, seien lediglich geeignet, für den gewinnträchtigen Film Propaganda zu machen.