Von Rolf Biirkie

Der Sommer ist gekommen und mit ihm jenes Buch, das zweifellos – würde es hineinpassen – in allen Bestsellerlisten seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz einnehmen könnte. Es bietet zwar nur wenig Lesestoff, ist aber dafür außerordentlich informativ: das „Amtliche Kursbuch“ der Deutschen Bundesbahn. Am 31. Mai ist für die DB Sommeranfang, und die Sommerfahrpläne gelten bis zum 26. September. Sparsame Menschen mögen dem Winterkursbuch den Vorzug geben – gilt es doch mehr als acht Monate. Doch das Kursbuch für die ganze Bundesbahn kostet nur drei Mark.

Wer sich, ohne Erfahrung darin zu haben, einen solchen „Bestseller“ zulegen will, entscheidet sich am besten für die ihn betreffende Hälfte. Es gibt nämlich neben dem kompletten Kursbuch zwei Teilausgaben – eine für Süd-, die andere für West- und Norddeutschland. Jede Hälfte kostet 1,50 DM. Wer aber beide Hälften kauft, bekommt als kostenlose Beigabe zwei Übersichtskarten der Bundesbahn. Wichtiger bei der Entscheidung für die zwei Hälften ist jedoch, daß man die Ausgabe für 1,50 Mark noch in einer Aktentasche unterbringen kann, was von der Gesamtausgabe nicht mehr zu sagen ist. Die Fernverbindungen sind in beiden Büchern für das gesamte Bundesgebiet und das Ausland bis nach London, die skandinavischen Hauptstädte, Lissabon, Istanbul und Moskau enthalten. Wer hingegen in Süddeutschland zu Hause ist, interessiert sich schwerlich für den im Gesamtteil enthaltenen Fahrplan zwischen Heide und Büsum.

Neben dem Fahrplan mit Kurswagenverzeichnis, der Beilage „Städteschnellverbindungen“ (mit ausgerechneten Fahrpreisen) und „Kurzen Hinweisen“ enthalten auch die Eigeninserate wichtige Hinweise und innerhalb der Werbung last not least die Anzeigen des Fremdenverkehrs, die nützlich sind, wenn man abends in eine fremde Stadt kommt. Schließlich schadet es auch nichts, wenn man ein komplettes Ortsverzeichnis, eine Tariftafel, die Gepäckfrachten und eine Zusammenstellung möglicher Fahrpreisermäßigungen schwarz auf weiß bei sich trägt. Wer weiß zum Beispiel, daß es neben den normalen Rückfahrkarten für den Nahverkehr mit bestimmten Großstädten (die leider nicht aufgeführt sind) sogenannte „Tagesrückfahrkarten“ gibt, die billiger sind als Sonntagsrückfahrkarten?

Der Fahrplanteil spart nicht nur dem Geschäfts-, sondern auch dem Urlaubsreisenden Zeit und Geld. Wer sich die richtige Verbindung nach – nun, sagen wir Waging am See aus dem Fahrplan sucht, spart möglicherweise eine nicht eingeplante Übernachtung, Wer im Kursbuch seine Reiseroute zusammenstellt, kommt vielleicht auch zu dem Ergebnis, einen reizvollen Umweg zu fahren. Er kommt vielleicht auch zu dem Ergebnis, daß die Benutzung eines nur 1. Klasse führenden F-Zuges durch die Zeitersparnis (und die eingesparte Übernachtung) billiger sein kann als die 2. Klasse. Und so weiter.

Selbst wer auf der Reise Langeweile verspürt, kann zur Unterhaltung zum Kursbuch greifen. Er kann ausrechnen, daß man per Eisenbahn von Moskau nach Lissabon fünf Tage unterwegs ist, kann eine vielleicht doch schnellere Verbindung ausknobeln. Oder er kann ausrechnen, daß der „Rheingold“ auf der Strecke Freiburg–Karlsruhe einen Geschwindigkeitsdurchschnitt von 136 km/h erreicht, legt er doch die 135,4 Kilometer in genau 59 Minuten zurück. Ganz im Gegenteil zur in der gleichen Gegend verkehrenden (nichtbundesbahneigenen) Kaiserstuhlbahn, die für die 26,4 Kilometer von Riegel nach Breisach volle 86 Minuten benötigt.

Übrigens Königssee: Der Fahrplan der Schiffahrt auf diesem See ist ebenso vorhanden wie die Abfahrtszeiten der Tanzdampfer auf dem Starnberger See, und man lernt die Dampferfahrpläne auf anderen Seen kennen. Man erfährt, was es kostet, auf den Zugspitzgipfel zu fahren, und man weiß nach der Lektüre des Kursbuches, daß man für 68 österreichische Schilling die Hin- und Rückfahrkarte auf den Dachstein erwerben kann.

Schließlich erfährt man sogar aus dem Kursbuch, daß man gut daran tut, zwischen dem 29. Juli und dem 12. August möglichst keinen Urlaub zu machen, weil in diesen 14 Tagen die ganze Bundesrepublik unterwegs ist. Dies geht aus dem Ferienplan für Bundesländer hervor, der auch im Kursbuch steht – nebst Kalender.