Ein müder, abgespannter Chruschtschow kehrte nach Moskau zurück. Zwei Wochen unter der sengenden arabischen Sonne, tagelange Fahrten durch Dörfer und Städte, Besuche in Tempeln, Museen, Fabriken, ohrenbetäubender Jubel der Hunderttausende bei den Massenveranstaltungen am Assuan-Staudamm, in den Volksstadien, entlang den Straßen dieser Triumph-Tour des "großen Bruders" aus der Sowjetunion – dies alles, und dazu noch die vielen Beratungen mit Nasser, mit Iraks Staatschef Aref, mit dem jemenitischen Präsidenten Sallal, waren für den siebzigjährigen Russen eine Strapaze.

Dennoch hat sich diese Reise gelohnt. Die Männer im Kreml, angefeindet von den "Harten" in der östlichen Welt als "Revisionisten", haben einen neuen Bundesgenossen der "Dritten Welt" dazugewonnen. Mögen sich auch die Wogen ägyptischer Begeisterung rasch wieder glätten, so wird doch Chruschtschows Auftritt am Nil der erste Besuch eines sowjetischen Regierungschefs auf arabisch-afrikanischem Boden – seine Spuren hinterlassen.

Übertrieben wäre es sicherlich, wollte man aus diesem politischen Spektakulum den Schluß ziehen: Moskau hätte nun auch auf dem Schwarzen Kontinent die Grundpfeiler einer "roten Bastion" gelegt. Selbst ein Assuan-Staudamm, gepriesen als "Denkmal" arabisch-sowjetischer Freundschaft, macht aus Nasser noch längst keinen blinden Parteigänger Chruschtschows. Galt diese Nilfahrt aber vor allem dem Ziel, Peking im Mittelosten aus dem Felde zu schlagen, Tschu En-lais vorangegangene Visite aus der Erinnerung der Ägypter zu verdrängen, so kann der Kremlchef mit dem Ertrag seiner Kairoer Ernte vollauf zufrieden sein.

Freilich war er, gegenüber seinem Nebenbuhler aus Peking, im Vorteil: Er hatte nicht nur gute Worte, Wangenküsse und Umarmungen für die Gastgeber; er ließ auch – wenngleich selber in wirtschaftlichen Schwierigkeiten – den Rubel rollen: Allein ein Viertel der Vier-Milliarden-Summe ausländischen Kapitals, das Nasser für seinen neuen Fünf-Jahres-Plan braucht, wird aus sowjetischen Kreditkassen kommen.

Wie es nicht anders zu erwarten war, stieß Chruschtschow aber auch kräftig in das "antiimperialistische" Horn. Er verurteilte die "Aggression" der Engländer in der Südarabischen Föderation, prangerte die "Kolonialisten" in Angola und Südafrika an und feierte in Port Said das Ende des Suez-Krieges als ein arabisches Stalingrad. Auch hier blieb der Gast seinem Gastgeber nichts schuldig. Wie Nasser den Sowjetpremier als den großen Gönner der Blockfreien und als verläßlichen Mitstreiter im Kampf gegen die "Imperialisten" rühmte, so tat Chruschtschow umgekehrt alles, um den ägyptischen Staatschef als den auserwählten Führer aller Araber erscheinen zu lassen. Hier gab der eine bereitwillig, was der andere für seine Auseinandersetzung im eigenen Lager nötig hat: gegenseitige Anerkennung politischer Macht, wechselseitige Auszeichnung für das bisher Erreichte.

Ungewöhnlich wäre es indessen gewesen, hätte es bei diesem Treffen zweier so ausgeprägter Persönlichkeiten nicht auch manchen leisen Mißklang gegeben. Unzufrieden mußte Nasser sein, daß Chruschtschow in der Israel-Frage Zurückhaltung übte und nicht zum "Heiligen Krieg" aufrief. Verärgerung zumal mußten die scharfen Worte des Kommunisten über den Emir von Kuwait ("Leichter ist es, drei Sack Salz zu schlucken, als einen Burschen wie diesen") und seine Warnung vor einer panarabischen Union mit den arabischen Feudalisten und Kapitalisten hervorrufen. Und sicherlich war Nasser auch enttäuscht über Chruschtschows Absage, weiterhin Waffen an ihn zu liefern.

Die ideologischen Gegensätze zwischen Moskau und Kairo bestehen trotz aller Freundschaftsbeteuerungen und Hilfszusagen nach wie vor. Die panarabische Idee ist stärker als das leninistische Programm von der "Einheit aller Werktätigen". Der arabische Sozialismus folgt anderen Parolen als der sowjetische. So predigte Chruschtschow tauben Ohren, als er in Assuan ungehalten ausrief: "Wenn ich euch Reden halten höre, wenn ich höre, wie ihr ausruft: ‚Wir sind Araber, Araber vereinigt euch!‘, dann frage ich mich: Was tun wir denn hier, die Russen? Wir sind ja keine Araber. Sollen wir etwa nach Hause gehen?"