Von Hayo Matthiesen

Für drei Tage, vom 21. bis zum 23. Mai, war Deutschland zu Gast bei Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Die Goethe-Gesellschaft hatte zur 59. Hauptversammlung eingeladen, fast die Hälfte ihrer Mitglieder hatte die blaue Teilnahmeerklärung ausgefüllt. 400 Anmeldungen konnte der Vorstand nicht berücksichtigen, nur für 1238 Gäste war ein Quartier vorhanden.

Die Zahl dieser Anmeldungen sei der beste Beweis für den richtigen Kurs der Gesellschaft, sagte Professor Andreas Bruno Wachsmuth aus Westberlin, der souveräne Präsident. „Wir sind eine Gesellschaft mit zu hohem Blutdruck!“ rief er den Teilnehmern der Mitgliederversammlung zu.

Der Bericht über die Tätigkeit seit 1962 bestätigte es. Mit über 25 Ortsvereinigungen, 3478 Mitgliedern und einem Vermögen von etwa 101000 Mark ist die Goethe-Gesellschaft die größte und zugleich wohlhabendste wissenschaftlich-literarische Vereinigung in Deutschland. Nach dem Auseinanderbrechen der Shakespeare-Gesellschaft gibt es außer ihr nur noch zwei gesamtdeutsche Vereinigungen: die Bach- und die Barlach-Gesellschaft, Zur Hauptversammlung kamen 623 Mitglieder aus der DDR, 510 aus der Bundesrepublik, aus Westberlin 87 und 18 Gäste aus dem Ausland, 140 jüngere Mitglieder, vor allem Studenten, waren nach Weimar gefahren; 78 aus der DDR, 5 aus Westberlin und drei Gruppen aus Hamburg, Frankfurt am Main und Kiel. Es sei der Wunsch der Gesellschaft, sagte Professor Wachsmuth, daß besonders die Jugend sich treffe zu „Vorfeldbesprechungen für das geeinte Deutschland von morgen“.

In der Verwaltungsschule am Karl-Marx-Platz, einem öden NS-Bau, war die Kieler Gruppe, zu der ich gehörte, untergebracht, zu zweit oder dritt auf die Zimmer verteilt. Unsere Befürchtung, auf diese Weise einzeln in die ideologische Zange genommen zu werden, erfüllte sich nicht: Die Studenten der Hochschule für Architektur und Bauwesen waren alles andere als sozialistische Frontkämpfer, Und das ist bei den Bedingungen, unter denen sie studieren, auch nicht verwunderlich, Ich schlief in einem dreißig Quadratmeter großen Zimmer mit fünf Kommilitonen (früher wohnten acht in dem Raum), Die Einrichtung: sechs eiserne Betten mit je zwei Decken, fünf Spinde, zwei Tische, vier Stühle, zwei kleine Bücherborde; kein Teppich, kein Radio, kein Sessel, keine Couch. Für fünf Jahre, erzählten sie mir, sei das ihr Wohnraum. Unter diesen Umständen gab es keine ideologischen Diskussionen.

Anders sah es allerdings aus, als sich die westdeutschen und mitteldeutschen Studenten auf Einladung der Hochschulgruppe der FDJ und des Germanistischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität im Studententurm am Goetheplatz zur Diskussion trafen. „Ist eine Wiedervereinigung möglich?“ hieß das Thema. Die Meinung aller war; Ja, sie ist möglich, Aber wie? Und da zeigte es sich sehr schnell, daß die Meinungen unvereinbar waren. Wir sind de facto ein Staat, sagte der FDJ-Funktionär aus Jena; weil wir ein Staat sind, sollte Bonn uns anerkennen und mit uns verhandeln. Die DDR ist de jure kein Staat, weil die Regierung nicht durch eine „allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahl“, wie es Artikel 51 der Verfassung bestimmt, legitimiert ist – das war die Gegenthese. Hier endete das Gespräch; im übrigen konnte man sich nur Mißstände vorhalten,

Die Goethe-Gesellschaft ist nicht nur die größte literarische Vereinigung in Deutschland, sie ist auch eine der ältesten. Am 20, Juni 1885 wurde sie gegründet, zum „Zweck der Pflege der mit Goethes Namen verknüpften Literatur sowie der Vereinigung der auf diesem Gebiet sich betätigenden Forschung“, Großherzog Carl Alexander wurde zum Protektor der Gesellschaft gewählt. Erster Präsident war der liberale Eduard von Simson. Als Präsident der Frankfurter Paulskirche und als Präsident des Reichstages hat er Friedrich Wilhelm IV. zweimal die Kaiserkrone angeboten. Als er den Vorsitz der Gesellschaft übernahm, war er Präsident des Reichsgerichts in Leipzig. Publizistische Organe der Vereinigung wurden die Schriften der Goethe-Gesellschaft und das Jahrbuch.