G. Z., Frankfurt

Die Werbung ist im Umgang mit der Sprache nicht pingelig. „Zentrum der Superlative“ nennen die Propagandisten die „Laden-Stadt“ mitten im Grünen an der Kreuzung der Bundesstraße 8 mit dem Rhein-Main-Schnellweg, die mit Böllerschüssen, Feuerwerk und Preisausschreiben (1. Preis ein Flug nach New York zur Weltausstellung) eröffnet wurde. Ein Superlativ ist allerdings unbestritten: Das „Main-Taunus-Zentrum“ – so die offizielle Firmenbezeichnung – ist das größte seiner Art in Europa. Richtig ist auch, daß es in der Bundesrepublik die erste „konzentrierte Einkaufsstadt für Fußgänger“ ist.

Die „technischen Daten“ sind auch ohne die Superlative des Werbeslangs eindrucksvoll: Ein Bauaufwand von 43 Millionen DM, davon allein über zwei Millionen für den Straßenbau; eine Gesamtfläche von 220 000 Quadratmetern, 40 000 Quadratmeter „Warenverkaufsfläche“, Parkplätze für 3000 Fahrzeuge; die Schaufensterfassade beträgt 1,3 Kilometer; 80 Ladengeschäfte vom Warenhaus über Supermärkte, Gaststätten, Kegelbahn, Kindergärten, Chemische Reinigung bis zur Bank- und Postfiliale; eine „Automaten-Straße“ mit einem Angebot von 1500 Artikeln soll über den Schmerz des Ladenschlußgesetzes hinweghelfen; 80 Omnibusverbindungen führen aus dem Taunus, aus dem Frankfurter und aus dem Wiesbadener Raum zum „Zentrum der Superlative“.

Bei der Standortwahl gingen die Planer der „Ladenstadt im Grünen“ davon aus, daß das Verkehrschaos im Zentrum der Großstädte das Einkaufen immer schwieriger macht. „Der Kunde ist wieder auf seine Füße angewiesen und er kann sich totlaufen, von einem Laden zum anderen, bis er endlich alle seine Käufe getätigt hat.“ Also legte man das „Main-Taunus-Zentrum“ mitten in die Landschaft, mitten in ein – sehr wohlhabendes – Einzugsgebiet von 1,5 Millionen Menschen bei einem 20-Kilometer-Radius. Rund 50 000 Kraftwagen rollen zur Zeit täglich über die Straßen, die die Ladenstadt direkt berühren. In etwas 10 Autominuten kann man von Frankfurt die „City auf der Wiese“ erreichen. Dazu bequeme Anschlußstraßen an die Autobahn Kassel–Frankfurt–Mannheim.

Einkauf als Erholung

Bei der Anlage war man auf den Kontrast bedacht: In der Innenstadt der Straßenlärm und hektischer Verkehr – hier wird der Einkauf zwischen Park und Gartenanlagen zur Erholung. Dort übervölkerte Bürgersteige und verstopfte Autostraßen – hier überdachte, grüngesäumte Ladenwege und Parkplätze genug. In der City sind die Kinder beim Einkaufen eine Belastung – hier sind sie im Kindergarten oder auf den Spielplätzen gut aufgehoben.

Doch ehe man soweit war, die traditionelle „Stadtmitte“ herausfordern zu können, mußte die Geschäftswelt für dieses Experiment gewonnen werden. Das war gar nicht so einfach. Ein Abgesandter des Deutschen Industrie- und Handelstages kam von einer Studienreise aus den Vereinigten Staaten, dem Heimatland der Shopping Center, zurück und gab dieser Art des Einkaufens für Europa nur bedingte Erfolgsaussichten. Die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels äußerte sich sehr zurückhaltend zu der Frage, ob der Einkauf auf der „Grünen Wiese“ die „Kulminationspunkte des geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens – die City – ersetzen kann“. Die Städte, die sich abwartend verhielten, seien gut beraten. Nun, die renommierten Finanzgruppen aus der Bundesrepublik, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Luxemburg, England und Italien waren sicher nicht schlechter beraten, bevor sie sich entschlossen, das „Main-Taunus-Zentrum“ auf die Wiese zu stellen. Ohne die sichere Gewißheit, gute Geschäfte zu machen, hätten sie es gewiß nicht getan.