Als auf der vorjährigen Hauptversammlung der Volkswagenwerk AG, Wolfsburg, sich einige Aktionäre mit dem Zuruf von der Verwaltung verabschiedeten ‚Im nächsten Jahr sprechen wir uns wieder‘, konnte es als sicher gelten, daß die Haupt Versammlungsbesucher des Jahres 1964 wieder mit einer langen Sitzung rechnen können. Nach den vorliegenden Oppositionsankündigungen ist tatsächlich anzunehmen, daß sich die Reise nach Wolfsburg, was die Dauer der am 4. Juli stattfindenden Hauptversammlung angeht, sicherlich lohnen wird. Zahlreiche Redner haben sich „angemeldet“.

Einen breiten Raum in der Hauptversammlungsdiskussion wird, meine verehrten Leser, wieder einmal die Gewinnverwendungspolitik des Volkswagenwerks einnehmen. Wenn man davon ausgeht, daß die Gesellschaft für 1963 einen Gewinn von rund 320 Millionen Mark versteuert hat, so sind rund 76 Millionen in die sogenannten stillen Reserven gegangen, 138 Millionen wurden den offenen Rücklagen zugewiesen und 96 Millionen für die auf 16 (14) Prozent erhöhte Dividende bereitgestellt. Lediglich für 96 Millionen konnte also der für ausgeschüttete Gewinne auf 15 Prozent ermäßigte Körperschaftsteuersatz in Anspruch genommen werden. Der Rest mußte mit 51 Prozent versteuert werden.

Hier liegt der Ansatzpunkt für eine durchaus ernst zu nehmende Aktionärskritik. So rechnet der Aktionär Dr. Erich Koch in seiner Oppositionsanmeldung der Verwaltung vor, daß das VW-Werk bei einer totalen Ausschüttung des Jahresgewinns in der Lage gewesen wäre, unter Ausnutzung des niedrigeren Körperschaftsteuersatzes den Aktionären neben einer Dividende von 16 Prozent noch einen Bonus von 59 Prozent zu gewähren. Dr. Koch erkennt zwar die Notwendigkeit einer Eigenkapitalbildung an, will diese aber nicht über die direkte Rücklagenbildung erreichen, sondern über den Umweg einer hohen Ausschüttung, die dann mit einer Kapitalerhöhung wieder „eingefangen“ werden soll. Er schlägt deshalb eine Kapitalerhöhung um 300 Millionen im Verhältnis 2:1 zum Ausgabekurs von 150 Prozent vor. Statt eines Bonus sollten die Aktionäre auf je zwei alte Aktien eine neue gratis erhalten. Das Grundkapital wäre dann um 300 auf 900 Millionen DM und die offenen Reserven um 150 Millionen angewachsen.

Ich möchte hier nicht nachprüfen, inwieweit die steuerlichen Rechnungen des Aktionärs im einzelnen richtig sind. Ich glaube allerdings, daß grundsätzlich diesem Vorschlag eine steuersparende Wirkung nicht abgesprochen werden kann. Nun ist aber die Aufgabe eines Unternehmens, Steuern zu sparen, nur eine unter vielen. Und sie steht nicht unbedingt an erster Stelle. Einer Gesellschaft, die in der risikovollen Automobilbranche tätig und die zudem ungewöhnlich exportempfindlich ist, muß man die Bildung hoher Rücklagen zubilligen. Wenn die deutsche Ford- und Opel-Gesellschaft in der Vergangenheit aus Gründen steuerlicher Ersparnis, hohe Ausschüttungen an die Muttergesellschaften vornahmen, so war dies nur möglich, weil hinter beiden Unternehmen finanzstarke amerikanische Konzerne stehen, die selbst über beträchtliche Reserven verfügen, hinter denen sich das VW-Werk verstecken kann.

Das VW-Werk muß im Bereich seiner Rücklagen etwaige Verluste auffangen können. Als breite Publikumsgesellschaft darf es niemals in die Verlegenheit kommen, das Aktienkapital zusammenlegen zu müssen. Und ob die Kleinaktionäre in einer kritischen Situation bereit sein werden, dem Werk neues Kapital zum Ausgleich etwaiger Verluste zur Verfügung zu stellen, möchte ich bezweifeln. Nun werden Sie vielleicht, sagen, solche Gedanken seien allzu theoretisch. Hoffentlich sind solche Einwände richtig. Aber wer will mit Sicherheit die Zukunft voraussagen wollen?

Mit ihrer Dividendenerhöhung in den Jahren 1962 und 1963 um jeweils 2 Prozent hat die Verwaltung versucht, einen vernünftigen Mittelweg zwischen den Interessen der Kleinaktionäre und dem Unternehmen selbst zu finden. Er stellt einen Kompromiß dar, gegen den es berechtigte Kritik geben kann. Für ausgesprochen falsch halte ich es auf alle Fälle, die Unternehmenspolitik nur durch die Steuerbrille sehen zu wollen.

Und schließlich sollte man sich auch die Konsequenzen überlegen, die sich aus einem um 50 Prozent erhöhten Aktienkapital ergeben. Um künftig die jetzt vorgeschlagene Dividende von 16 Prozent aufrechterhalten zu können, müßte auch ein um 50 Prozent erhöhter Dividendenbetrag von der Gesellschaft bereitgestellt werden. Denn praktisch würden die Aktionäre doch für 1964 einen Satz von 24 Prozent kassieren. Deshalb würden Kapitalerhöhungen von der vorgeschlagenen Art beinahe zwangsläufig zu Dividendenkürzungen führen. In diesem Punkt schweigt sich die Opposition leider aus.