Eine Geschichte, die sich nicht auf mindestens drei verschiedene Arten interpretieren läßt, kann nicht gut sein. Milo Do

Die Gruppe 47 zieht gen Norden

Die Stars der deutschen Nachkriegsliteratur werden in diesem Jahr gen Norden ziehen. Zuerst nach Finnland, wo im Juni ein Autorentreffen in Lahti stattfindet, zu dem aus der Bundesrepublik Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger, außerdem James Baldwin, Michel Butor, Iris Murdoch und Slawomir Mrozek erwartet werden. Und dann veranstaltet, vom ?. bis 12. September, die Gruppe 47 ihre 64er Tagung in Sigtuna in Schweden. Anschließend plant man eine „Stockholmer Woche der Gruppe 47“, geleitet von Professor Gustav Korlen: fast 20 deutsche Autoren, unter ihnen Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Siegfried Lenz und Peter Weiss, werden aus ihren Büchern lesen. In der Universität werden Walter Jens (der bereits im April Stockholmer Studenten mit seinen Vorlesungen begeisterte), Hans Mayer, Walter Höllerer und Helmut Heissenbüttel lesen, und in den Stockholmer Galerien werden Werke von Gisela Andersch, Grass, Hildesheimer, Schnurre und Weiss (die ja alle auch bildende Künstler sind) zu sehen sein. – In Schweden könnte man danach auf den, nicht ganz richtigen, Gedanken kommen, man kenne nun die deutsche Kunst.

Obszöne Importe

Die britische Regierung hat in Washington gegen den Export amerikanischer, wie es heißt, obszöner Taschenbücher nach England protestiert. Seit dem Januar 1961 hat der britische Zoll rund eine Million Bände beschlagnahmt, deren Inhalt, wie es heißt, gegen die guten Sitten verstieß. In Washington hieß es, man wolle sich „mit diesem Exportartikel beschäftigen“.

Ersatz für Reich-Ranicki

Ein herber Schreck durchfuhr den Botschafter Kuryluk, der Polen in Wien vertritt: Auf der Einladung zur Preisverteilung des Herder-Preises der FVS-Stiftung an den polnischen Shakespeare-Forscher Jan Kott entdeckte er in der Jury den Namen Reich-Ranicki, Absolvent eines Berliner Gymnasiums, Überlebender des Warschauer Gettos, polnischer Nachkriegs-Diplomat und -Literat und Mitarbeiter der ZEIT. Eine Laudatio für Kott aus diesem Munde könne und wolle er nicht hören, ließ der Botschafter (der einmal Kulturminister Polens war) vernehmen. Darauf benannte man in Wien einen neuen Laudator, Professor Heinz Kindermann. Und siehe: Polens Botschafter erschien. Trotz jahrelanger Tätigkeit in Wien war ihm wohl entgangen, wer Herr Kindermann war: ein fleißiger Diener volkhafter Dichtung und Herausgeber freundlicher Huldigungen an den Führer.