Von Edmund Wolf

Unter Umständen ist körperliche Züchtigung das einzig Richtige“, sagte mir einmal Dr. Kurt Hahn, die „Jungen vertragen es besser als irgendeine entehrende andere Strafe. Eine Züchtigung ist rasch geschehen und rasch verschmerzt.“

Die Autorität des alten Mannes von Salem und Gordonstown schien mir so überzeugend, daß ich auch das glaubte. Man denkt an alte Herren in England, die in gesprächiger Whisky-Laune mit einigem Stolz gestehen, wie sie in ihren „Public Schools“ zeremoniell und rituell auf den Hintern gedroschen wurden – als hätte erst diese Erfahrung sie zu den prächtigen Menschenexemplaren gemacht, die sie nun seien. Vielleicht stimmt’s in Internaten. Ich habe da keine Erfahrungen. Wenn’s in Familien stimmt, in echten, guten Familien, dann will ich einen Rohrstock fressen.

Viele haben fasziniert die Kontroverse um Dr. Walter Hävernicks Buch „Schläge aus Strafe“ gelesen. Da schrieb ein Herr aus Bayreuth (heißet Magister, heißet Doktor gar...): „Aufrichtige Freude erfüllt mich bei dem sehr zu bejahenden Bericht über die Arbeiten von Professor Hävernick über das Problem des Rohrstocks und seine Anwendung ... Wohin die lächerliche Verweichlichung in der Erziehung in den letzten achtzehn Jahren geführt hat, sehen wir ja am Anwachsen der Jugendkriminalität. Allerdings möchte ich vor zu milder Strafe warnen...“ Da schrieb ein Herr aus Göteborg, „der sich mit Erziehungsfragen junger Menschen befaßt“: „... Ich bin der Ansicht, daß Kinder unter sieben Jahren überhaupt nicht geschlagen werden sollen. Dagegen glaube ich, daß die körperliche Strafe bei Knaben zwischen acht und sechzehn Jahren heilsam, notwendig und richtig ist. Viel späteres Unglück kann dadurch vermieden werden, wenn der Erzieher in voller Ruhe, niemals im Zorn, gerecht straft.“ (Man bemerkt, daß dies eine schwedischhumanisierte Doktrin ist: Sieben Jahre Zurückhaltung, aber am siebenten Geburtstag – her mit dem Rohrstock und runter mit den Hosen!)

Ja, runter mit den Hosen – oder auch Höschen, denn (ich zitiere den Spiegel-Bericht über Walter Hävernicks Buch): „Mädchen im reiferen Alter werden laut Hävernick-Report nur noch einmal mit siebzehn oder achtzehn Jahren ‚über’s Knie gelegt‘, um sexuelles Abgleiten’ zu verhindern.“ Bravo.

Wie herrlich muß es auch um die Bundesrepublik bestellt sein, wenn man erfährt, daß 80 bis 85 Prozent aller Eltern an Schläge als notwendiges Erziehungsmittel glauben, daß jede dritte Familie den Rohrstock benützt und daß zur Strafverschärfung eben auch „häufig die schützenden Bekleidungsstellen entfernt und die Schläge ‚auf den Blanken‘ ausgeteilt“ werden. „Diese Form der Strafe hat seit dem Krieg um das Doppelte zugenommen.“ Wenn das nicht Fortschritt ist!

Noel Coward ließ einmal einen seiner Lustspielcharaktere sagen: „Frauen müssen regelmäßig geschlagen werden wie ein Gong.“ Der Satz war komisch, weil Frauen damals eben nicht mehr regelmäßig geschlagen wurden. Aber so lang ist es nicht her, seit auch dies praktiziert wurde. Nicht nur in Bayreuth und Göteborg glaubten Männer, sie seien es Gott schuldig, ihre Frauen „die strenge Hand“ fühlen zu lassen – das heißt, sie „in voller Ruhe und gerecht“ nach Strich und Faden zu verdreschen. Aber vielleicht geschieht auch das noch viel öfter, als man glaubt. Sollte sich nicht ein bundesrepublikanischer Verlag aufraffen und einen berufenen Autor untersuchen lassen, wieviele Frauen behandelt werden wie Gongs?