Nach Kriegsende gab es in Westdeutschland dringendere Sorgen als die Tiefkühlkonservierung. Es fehlte an Brot und Kartoffeln. 1949 wurde denn auch das letzte Vier-Jahres-Plan-Kühlwerk liquidiert. Es sollte dann noch ein Jahrzehnt dauern, bis Westdeutschlands Arbeitnehmer in jene Einkommenskategorie hineingewachsen waren, die einen Handel mit Tiefkühlkost interessant machen. Im Gefolge von Hähnchen und Puter, die in der Gunst der Bundesdeutschen das Kotelett in die zweite Linie verwiesen, kamen Ende der fünfziger Jahre erst wieder Obst und Gemüse, Kartoffelklöße und Fisch in bunten Pappschachteln in die Kühltruhen, von denen es 1959 etwa 31 000 gab und heute fast die dreifache Zahl.

Damals setzte das Rennen um den neuen Markt ein. Der britisch-holländische Unilever-Konzern, der größte Lebensmittellieferant der Welt, taute seine eingefrorene Solo-Feinfrost GmbH wieder auf; die Konsumgenossenschaften kühlten bei ihrer Großeinkaufsgenossenschaft GEG Lebensmittel und brachten, sie unter der Marke TIKO auf den Markt; von Norden aber kamen die Skandinavier und eroberten sich in Norddeutschland einen Brückenkopf, in dem sie ihre Flagge aufzogen: FINDUS.

In Schweden, wo die Bevölkerung pro Kopf rund vier Kilogramm Gefrierkost verzehrt, hatte Findus damals schon etwa 60 Prozent des Marktes in seine Hand gebracht und hoffte nun, auch in Mitteleuropa Fuß fassen zu können. Das Unternehmen ist ein Kriegskind. Als im Zweiten Weltkrieg der Kakao knapp wurde, erwarb Schwedens größte Schokoladenfabrik Marabou eine Konservenfabrik im Süden des Landes und begann mit Tiefkühlkost zu experimentieren. Im Herbst 1945 waren die ersten tiefgekühlten Lebensmittel in den Stockholmer Läden, gerade rechtzeitig, um die Chancen des neuen Marktes zu nutzen. Der Findus-Stern stieg, bis die Manager erkennen mußten, daß die Finanzkraft des Unternehmens wohl für den skandinavischen Markt reichte, daß aber. Mitteleuropa ein zu großer Brocken ist.

Hier im Herzen des Kontinents, hatte sich inzwischen der zweite Gigant der Lebensmittelindustrie, der eidgenössische Konzern Nestlé, in das Tiefkühlrennen eingeschaltet. Die Schweizer hatten einiges Terrain aufzuholen. Immerhin konnte die Unilever-Konkurrenz auf den Erfahrungen aufbauen, die sie unter Göring mit der Solo-Feinfrost gesammelt hatten, und sich auf ihre britische Tiefkühlfirma, die Birds Eye Foods stützen, die etwa zwei Drittel des englischen Marktes beherrscht. Den Eidgenossen blieb nichts anderes übrig, als sich Erfahrungen aufzukaufen.

Da war beispielsweise Josef Pankofer, der in München ein Eiskaffee betrieb. Mit der Zeit hatte er seinen Betrieb auf die Erzeugung von Eis am Stiel und ähnlichen Eisleckereien ausgeweitet, die unter der Marke JOPA an Straßenecken und in Lebensmittelgeschäften verkauft wurden. Und um die teuren Einrichtungen außerhalb der Saison nicht brachliegen zu lassen, begann Pankofer schließlich, Tiefkühlkost herzustellen, für die er in Süddeutschland ein enges Vertriebsnetz schuf.

1961 war es soweit: JOPA zählte von nun an neben Maggi, Sarotti, Gallier und Ideal-Milch zu den Nestle-Marken. Am 2. Mai 1962 aber wurde im Nestle-Hauptquartier in Vevey am Genfer See jener Vertrag unterzeichnet, der den Schweizern das entscheidende Instrument für den kalten Lebensmittelkrieg in die Hand gab. Die Skandinavier verkauften ihnen 80 Prozent der Anteile von Findus.

Auf dem bundesdeutschen Tiefkühlmarkt tummelten sich damals wie heute etwa dreißig Firmen, von denen allerdings bis 1962 keine mehr als zehn Prozent des Marktes besaß. Denn um groß ins Geschäft zu kommen, benötigt man viel Geld. Als beispielsweise die Wunstorfer Solo-Feinfrost-Werke ihre ersten Pakete tiefgekühlten Spinat fertig hatten, schickte man zwei Päckchen in die Unilever-Zentralen nach Rotterdam und London und legte eine Rechnung bei: Kostenpunkt acht Millionen Mark. Soviel hatten die ersten Investitionen und Experimente gekostet.