Von Marcel Reich-Ranicki

Es irrt der Mensch, solang er schreibt. Auch und vor allem der Kritiker. Indes sind es nicht unbedingt die schwersten Irrtümer der Kritik, die die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. So richtet in der Regel jener keinen allzu großen Schaden an, der Stümper zu Meistern ernennt und Genies für Nichtskönner hält. Unrecht geschieht zwar, aber Unheil wird in der Regel vermieden. Denn die Genies lassen sich durch unverdienten Tadel nicht beirren. Und den Stümpern können die Lobreden auf die Dauer doch nicht helfen. Eine Grenze hat der Presse Macht: Am Ende werden die einen anerkannt und die anderen durchschaut.

Wie aber, wenn die Kritik einen begabten und gewitzten Schreiber als bahnbrechendes Talent preist, wenn sie einem tüchtigen und geschickten Handwerker einredet, er sei ein begnadeter Poet? Wenn also Intelligenz, Umsicht und Agilität mit dichterischer Meisterschaft verwechselt werden? Dann kann es geschehen, daß der Betroffene aufhört, ein nützlicher Handwerker zu sein, ohne daß er zu beweisen vermag, er sei tatsächlich ein Künstler – daß also seine Hervorbringungen weder den einen noch den anderen Ansprüchen genügen und daher wertlos werden. In einem solchen Fall muß die Literatur vorerst einen Verlust beklagen, den die Kritik mitverschuldet hat.

Gemeint ist Alexander Kluge, der in seinem Erstling "Lebensläufe" (1962) exemplarische deutsche Schicksale als Tatsachenberichte, Gerichtsprotokolle, behördliche Gutachten oder Befunde von Soziologen verkleidet hatte; dokumentarische Texte dienten ihm als Versatzstücke, deren mitunter originelle Gruppierung an die Technik der Collage erinnerte.

Das Buch bewies Kluges literarische Begabung, hinterließ jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Man spürte seine ebenso erfreuliche wie aufrichtige zeitkritische Leidenschaft. Und mußte zugleich sehen, daß er bisweilen mit billigen Tricks arbeitete, und nach wenig wählerischen Effekten jagte. Da sich der Behördenjargon auch dann bemerkbar machte, wenn Kluge ihn offensichtlich zu vermeiden suchte, konnte zumindest der Verdacht auftauchen, es sei sprachliche Unzulänglichkeit, die hier als bewußt angewandtes Stilmittel getarnt werden sollte. Der Umstand, daß der Autor fremde Texte eingeblendet hatte, ohne es zu vermerken, war ebenfalls nicht dazu angetan, Vertrauen zu erwecken.

Aber mochte vieles schablonenhaft und manieriert wirken – in den vier oder fünf gelungenen Stücken des Bandes hatte sich Kluges Methode als ergiebig und suggestiv erwiesen. Die meisten Kritiker, die sich zu den "Lebensläufen" äußerten, verbeugten sich ehrfurchtsvoll oder fielen vor Kluge auf die Knie und rühmten die endlich in der jüngeren deutschen Literatur verwirklichte Einheit von Form und Inhalt.

Und Kluge – hat er sich daraufhin ins Fäustchen gelacht? Nein, es ist, befürchte ich, etwas Schlimmeres passiert: Er hat die Loblieder seiner Bewunderer für bare Münze genommen. Das Ergebnis liegt nun vor –

Alexander Kluge: "Schlachtbeschreibung"; Walter-Verlag, Olten/Freiburg; 375 S., 18,– DM.

Aufschlußreich ist ein Kommentar des Verlages: "Das Buch beschreibt eine Schlacht des letzten Weltkrieges. Es geht um Stalingrad als Muster eines Denkens, um den organisatorischen Aufbau eines Unglücks... Hat die Literatur Mittel, eine Schlacht wie die von Stalingrad zu beschreiben? Alexander Kluge findet hier eine neue Methode ... geht hier einen neuen Weg, der sich in seinem Buch ‚Lebensläufe‘ schon andeutet. Er erfindet Mittel, die Betroffenen, die Dokumente, die Sache selber zum Sprechen zu bringen."

Zunächst einmal: Immer wieder hören wir, es gäbe bestimmte Phänomene unserer Epoche, denen die Literatur überhaupt nicht gewachsen sei – mal soll es Auschwitz sein, mal das Warschauer Ghetto, mal Hiroshima, mal Stalingrad. Dennoch entstehen alljährlich literarische Arbeiten, die sich mit diesen Fragen befassen und die nicht ausnahmslos alle mißlingen. Und selbst wenn es der Fall wäre, so könnte man daraus lediglich auf die Skala des Talents der einzelnen Autoren schließen und auf den Widerstand, den diese Thematik leistet. Das würde höchstens von der Ohnmacht der zeitgenössischen Literatur zeugen, aber nicht gegen die Literatur schlechthin sprechen. In Wirklichkeit haben ihre Möglichkeiten nie. Grenzen gehabt. Und haben sie auch heute nicht. Gewiß, es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Horatios und unsere Schulweisheit sich träumen läßt, indes gibt es, meine ich, keine, die sich der Feder des Schriftstellers entziehen.

Am wenigsten will mir einleuchten, die Literatur der Gegenwart könne eine Schlacht wie die von Stalingrad nicht beschreiben. Schließlich handelt es sich um ein Geschehen, das sich erforschen und überschauen, rational erfassen und nicht weniger rational deuten läßt. Und auch darstellen – wie Theodor Plievier bereits vor zwanzig Jahren mit seinem zwischen Tatsachenbericht, Reportage und Roman schwankenden Buch gezeigt hat – auch wenn es schon etwas antiquiert wirkt: Auf seine literarischen Mittel ist heute kein Verlaß mehr.

An nichts war Kluge weniger gelegen als in einer Wiederholung des Plievier-Buches aus der Perspektive von 1964. Überhaupt wußte er genau, was er vermeiden, weniger offenbar, was er erreichen wollte. Auf das Dilemma, das seinem Versuch zu Grunde liegt, weist der zitierte Verlagstext unfreiwillig hin. Kluge habe die Schlacht von Stalingrad beschrieben, doch ginge es – wird uns mitgeteilt – "um Stalingrad als Muster eines Denkens".

Wie also? Was war eigentlich beabsichtigt – die Erforschung und Wiedergabe der Historie oder ihre Verwandlung ins Modellhafte? Die Rekonstruktion eines tatsächlichen Geschehens oder die Konstruktion einer Modellwelt nach dem Vorbild dieser Realität? Bericht oder Dichtung? Chronik oder Parabel?

Kluge kann sich nicht entscheiden. Er strebt beharrlich die Authentizität an. Aber auch die Verfremdung. Er will protokollieren und zugleich verdichten. Um das "Muster eines Denkens" zu verdeutlichen, möchte er die vorbelastete Bezeichnung "Stalingrad" umgehen. Damit kann jedoch der Chronist und Protokollant nicht einverstanden sein. Einerseits läßt sich Kluge auf keinen stellvertretenden Begriff ein: Von einem Andorra will er nichts wissen; und er erfindet auch keine Modellandschaft (wie es etwa Schnurre im "Los unserer Stadt" für das geteilte Berlin versucht hat). Andererseits sagt er doch nicht "Stalingrad". Seine Lösung: statt "Stalingrad" heißt es "St.".

Dieser Kompromiß scheint mir symptomatisch für das Mißverständnis zu sein, an dem Kluge gescheitert ist. Er bleibt seinem Einfall treu: "Die durch häufige Nennung abgestumpften Namen" – erklärt er im knappen Vorwort – "sind teilweise abgekürzt oder geändert." In diesem Buch ist niemals vom Führer oder von Mussolini die Rede, von Goebbels, Ribbentrop oder Manstein. Vielmehr lesen wir: "Fü.", "Be. Mu.", "Goeb.", "Rib." und "GFM v. Ma." Oder "In Wolfsschanze Erörterungen zwischen Hi., Zei., Feldmarschall Kei., Generaloberst Jo., Reichsmarschall Gö., Jeschonnek." Der Name "Zeitzier" ist also abgestumpft, der Name "Jeschonnek" hingegen nicht.

Ganz so harmlos, wie dieses etwas kindisch anmutende Verfahren zu sein scheint, ist es wieder nicht, weil es zwar die Lektüre erschwert, den Informationswert des Buches verringert und manches verwirrt, zugleich aber dem Buch auf diskrete Weise einen modischen und nonchalanten Anstrich gibt. Allerdings genügt es nicht, Namen zu Chiffren zu reduzieren, um historische Gestalten literaturfähig zu machen. Und wer seinen Helden statt "Krause" schlicht und geheimnisvoll "K." nennt, sollte sich nicht einbilden, es sei ihm bereits gelungen, etwas zu bieten, was als kafkaesk gelten könnte.

Indes behauptet der angeführte Verlagskommentar, Kluge habe Mittel erfunden, "die Betroffenen, die Dokumente, die Sache selber zum Sprechen zu bringen". Es erweist sich jedoch, daß er in einem großen Teil des Buches lediglich Dokumente aneinanderreiht: Zitate aus Wehrmachtsberichten und den "Tagesparolen des Reichspressechefs", Richtlinien der Wehrmacht für den Winterkrieg, Predigten von Militärgeistlichen und schließlich Interviews mit Offizieren, Soldaten und Ärzten, die an der Schlacht teilgenommen haben.

So hat Kluge erst einmal 140 Seiten seines Buches mit Dokumenten gefüllt. Aber sind es tatsächlich alles Dokumente? Einen Teil kann man nachprüfen. Woher stammen jedoch die Predigten, woher die Zeugenaussagen? Vergeblich sucht man eine Quellenangabe. Welche Anweisungen des Reichspresseamts werden eigentlich zitiert? Alle, die sich auf Stalingrad beziehen? Oder nur diejenigen, die das "Muster eines Denkens" bestätigen, das Kluge zeigen will?

Sicher ist, daß er mit den Dokumenten waltet und schaltet, wie es ihm gerade paßt. Er wählt aus, ohne das Auswahlprinzip auch nur anzudeuten, er kürzt, ohne es zu vermerken. Vielleicht hat er manche Dokumente ergänzt, vielleicht diese oder jene Passage erfunden. Wer Namen ändert, weil sie angeblich abgestumpft sind, und wer seine Quellen konsequent verheimlicht, setzt sich zwangsläufig einem derartigen Verdacht aus. Wie dem auch sei: die im ersten Teil des Buches gesammelten Texte haben keinen dokumentarischen Wert; vom literarischen ganz zu schweigen.

Fungierte Kluge bisher als fragwürdiger und leichtsinniger Herausgeber, so erweist er sich im zweiten Teil ("Tagesläufe") als dilettantischer Chronist, der auf über 100 Seiten die Vorgänge referiert, die sich Tag für Tag im Stalingrad-Kessel und in den vorgesetzten Stäben abgespielt haben. Informationen, Daten, Schilderungen, Zitate aus Dokumenten, Anekdoten, Erwägungen wie "Was wäre, wenn...?" Wichtiges, Nebensächliches und Gleichgültiges – alles ist durcheinandergewürfelt. Ein Stilbeispiel: "Der Angriff begann 5.20 Uhr. Der Durchbruch durch die russische Front bei Kotelnikowo war eine Kleinigkeit; die 200 Panzerwagen des Panzerregiments fuhren einfach durch... Hü. immer vorn. Am Abend das übliche Bild. Brände in fast allen Richtungen, zitternde Leuchtkugeln; Geschieße bis spät nachts, um die Unsicherheit zu. verscheuchen. Nach den Abendmeldungen verbreitete sich in den Stäben Enttäuschung."

Im Ergebnis vermittelt dieser Teil, nur ein einziges Bild – der vollkommenen Hilflosigkeit des Autors.

In den letzten Kapiteln versucht sich Kluge vornehmlich als Historiker und Stratege, Philosoph und Psychologe. Was er in den Abschnitten "Geschichtlicher Abriß" und "Genealogie" zu bieten hat, kann schwerlich ernst genommen werden: Es ist Kabarett ohne Geist und Humor.

In dem Abschnitt "Hätten die Generäle bis Weihnachten anders geführt als Hi.?" wird aus der Stammtischperspektive erwogen, was geschehen wäre, wenn dieser oder jener General anders gehandelt hätte, als er tatsächlich gehandelt hat. Ein Abschnitt über Napoleon endet mit der indiskutablen Entdeckung, der Feldzug von 1812 habe "einen Konstruktionsfehler" gehabt: "Die Soldaten N’s wären bis Indien marschiert, wenn ihnen jemand hätte sagen können, aus welchem Grund sie das tun sollten."

Wohin man blickt, wimmelt es von sachlichen Fehlern. Da liest man: "Generalmajor F. brachte vor Kaliningrad im Dezember 1941..." Aber 1941 gab es noch keine Stadt "Kaliningrad". In Thorn könnten vor dem Zweiten Weltkrieg keine Panzerturniere der Wehrmacht stattfinden, da die Stadt zu Polen gehörte. Das alles seien Kleinigkeiten? Natürlich, nur daß sie, da man sie immer wieder finden kann, zeigen, wie verantwortungslos und liederlich dieser Autor gearbeitet hat.

Für die Schlußkapitel seines Buches hat sich Kluge auch eine fundamentale Geschichtsinterpretation ausgedacht, auf die sein Vorwort bereits hinweist: Die Ursachen des Unglücks von Stalingrad "liegen 30 Tage oder 300 Jahre zurück". Anders ausgedrückt: Nicht etwa der Nationalsozialismus und Hitler und vielleicht jene noch, die ihn 1933 in den Sattel gehoben haben, sind für Stalingrad und den Zweiten Weltkrieg verantwortlich, vielmehr ist es die preußisch-deutsche Geschichte seit der Zeit des Großen Kurfürsten.

Ich zweifle nicht an der Redlichkeit der politischen Absichten Kluges. Er sollte jedoch wissen, daß seine These lediglich von dem Phänomen Nationalsozialismus ablenkt und damit die objektive und nachprüfbare Wahrheit verdunkelt. Die Ursachen von Stalingrad liegen eben weder 30 Tage noch 300 Jahre zurück. Wenn man sich überhaupt auf derartige Fixierungen einlassen will, wäre es eher angebracht, von 10 oder 25 Jahren zu sprechen. Die entscheidenden Daten lauten also: 1918 und 1933.

Wer hingegen die Schuld auf die Jahrhunderte verteilt, tut nicht nur der preußischen Tradition ein Unrecht an, sondern trägt auch indirekt zur Entlastung Hitlers bei. Der Weg, auf den sich Kluge mit seiner Amateurthese begeben hat, ist gefährlich und kennt keine Grenzen: Wir werden noch erfahren müssen, daß die Ursachen von Auschwitz im Ausgang der Schlacht am Teutoburger Wald zu suchen sind. Genüg davon.

Kommen wir zum Fazit: Die "Schlachtbeschreibung" gibt vor, Dokument und Kunst zugleich zu sein. Da aber Kluge mit den vielen Dokumenten unentwegt manipuliert, ohne zu verraten, wo seine Eingriffe erfolgt sind, entsteht nicht eine Dokumentation, vielmehr eine Fiktion, die besonders bedenklich ist, weil sie stets den Anschein der Faktizitätsaussage erwecken will. Kluge mißbraucht das Vertrauen der Leser zu den Fakten und macht aus der Historie ein Vexierrätsel, dessen Lösung einzig ergeben kann, wann er einigermaßen korrekt war und wann er kombiniert, spekuliert und munter improvisiert hat. Wie man dieses Buch nicht für handgreifliche Zeitgeschichte halten sollte, so sollte man sich auch hüten, die mehr oder weniger geschickten Montagen, Arrangements und Kniffe mit moderner Literatur zu verwechseln.

Aber warum war es nötig, der "Schlachtbeschreibung" soviel Aufmerksamkeit zu widmen? Weil es vielleicht Kritiker gibt, die sagen werden, diesmal habe Kluge zwar nicht an Büchner und Hebel (so hieß es nach den "Lebensläufen"), wohl aber an Herodot und an die "Anabasis" des Xenophon angeknüpft? Sei’s drum. Weil man uns möglicherweise erklären wird, die Monotonie, die Liederlichkeit, die fatale Komposition, die Sprache und die Dummheiten – das alles seien raffinierte Kunstmittel? Noch einmal: sei’s drum.

Warum also? Weil Kluge ein begabter und intelligenter Mann ist, ein Schriftsteller, der tatsächlich etwas leisten kann, was er in diesem Buch erneut beweist – mit einem guten Paulus-Porträt und mit einigen anderen Charakteristiken, in denen er das in den "Lebensläufen" erprobte Verfahren noch einmal anwendet. Für Kluge sprechen ebenfalls manche treffende Beobachtung und manche geistreichen Bemerkungen in den letzten Kapiteln der "Schlachtbeschreibung".

Wir sollten es verhindern, daß ein solcher Mann seine Kräfte vergeudet, weil er seine Möglichkeiten maßlos überschätzt.

Nicht um ein Buch geht es hier, sondern um einen Autor – der Nützliches schreiben kann, sich indes auf einem Weg befindet, der ihn der intellektuellen Hochstapelei und der literarischen Scharlatanerie nähert. Es liegt in Kluges Macht, diese Feststellung und Befürchtung zu widerlegen. Mit seinem nächsten Buch.