Von Georg Zivier

Es klingelte, und vor der Tür stand Günther Schwerin, der Schlagertexter. Neben vielen anderen Erfolgsversen hat er auch „Ich hab’ so Sehnsucht nach dem Kurfürstendamm“ geschrieben, und Tausende haben es ihm nachgeschluchzt, und mit dem Karnevalsschlager „Schnaps war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“ hätte er sich beinahe einen Gotteslästerungsprozeß auf den Hals geladen. Schwenn hat schon vor vierzig Jahren begonnen, als ein Kabarettist mit literarischem Anspruch. In seinem Sammelbändchen „Gesänge gegen bar“ sind sanfte Seufzer mit hanebüchenen Großstadt-Frechheiten gemischt. Frivolitäten bis dicht an die Grenze staatsanwaltlicher Aufmerksamkeit – kleine Dokumente des Stils, in dem man in den zwanziger Jahren so leibte und lebte. Mit dem quicklebendigen Sechziger, der als „Schlagertextverkäufer“ auch heute noch zeitgemäß navigiert, war jene rauschgoldene Epoche bei mir eingekehrt, in der wir hochmütig den Bürgersmann attackierten, schockierten und anpumpten.

Man spricht immer noch fast zu ehrfürchtig von dem berühmten Romanischen Café als einer Sammelstätte von Malern, Dichtern, Schauspielern, Schachspielern und weitabgewandten Nichtstuern. Dieses Romanische Café aber war für viele nur eine Art von Umsteigebahnhof. Man traf sich dort und ging dann etwa in die „Lunte“, ein spottbilliges Miniaturlokal mit schwarzen Schemeln. Hinter der Theke thronte, Zigarren rauchend, „die Lunte persönlich“. 1933 emigrierte sie zusammen mit ihren Gästen nach Paris.

Natürlich ging man auch zu Anne Menz, die in den schwierigsten Kriegs- und Nachkriegsjahren Theaterstars wie Konrad Veit, Gussi Holl, Werner Krauss, Marlene Dietrich „schwarz“ verpflegt hatte und später in idyllischer Bergumgebung ihre beachtlichen Renditen verzehrte. Auch zu Weinert pilgerte man oder in die obskuren Kellerlokale nahe dem Nollendorfplatz, jedenfalls in einen „Ausschank“. Zu Hause sitzen – das „kam. nicht in die Tüte“.

Ein Phänomen für sich war das Kü-Ka (Abkürzung für Künstlerkaffeehaus): ein Raum, verräuchert, verrümpelt und schmal, in dem zu Likören, „Mollen“ oder Mokka im Kännchen auch Kabarett geboten wurde als zum Verzehr gehörig. Das Publikum war gemischt aus Charlottenburger Spießern und pausierenden Nachtschönheiten mit ihren Kavalieren. Aber auch literarische Größen wie Walter Hasenclever und Erich Kästner kehrten hier ein, ganz zu schweigen von den Snobs, die überall dabei sein möchten. Sie wurden Augen- und Ohrenzeugen interessanter Anlange. Werner Finck, auf schülerhafte Unbeholfenheit posierend, zog aus allen Taschen kleine Zettel und las, sich oftmals stotternd unterbrechend, seine raffiniert-naiven Verse vor.

Einmal zeigte er mitten im Vortrag auf einen jungen Mann, der ihm merkwürdig ähnlich sah, und rief: „Dort sitzt mein Bruder, der geniert sich tot!“ Auch die später nach Paris übergewechselte Diseuse Marianne Oswald begann im Kü-Ka, und Pelz von Felinau schmetterte, ständig mit den Gliedern zuckend, dort seine makabren Zuchthaus-Songs: „... der Justizhund hebt sein Bein, pinkel, pankel Leichenstein.“

In den zwanziger Jahren gehörte zu einer „großen Nacht“ nach einem noblen Essen (etwa bei Horcher, wo eine Ente à la Rouen damals hundert Mark kostete) der Besuch von Spelunken der Abartigen oder der Hinterhoflokale, in denen das schöne Lied: „Licht aus, Messer ’raus...“ manchmal aktuell wurde. Natürlich, wie überall, in den Großstädten, wurde auch in Berlin ein Apachen-Milieu sozusagen gezüchtet. Neben Echtem gab es viel Untergrund-Talmi.