Auch im wirtschaftlichen Geschehen lieben die Menschen das Spektakuläre. Das beweist das Interesse, das die breitere Öffentlichkeit und die Presse dem Run auf das Erdgas unter der Nordsee entgegenbringt. Kaum beachtet wird dagegen die mühselige Arbeit deutscher Unternehmen, auf dem Festland Erdöl- und Erdgasfelder ausfindig zu machen. Dabei sind diese Explorationen schon seit einigen Jahren recht erfolgreich verlaufen. Und sie beginnen nunmehr immer reifere Früchte zu tragen und denjenigen recht zu geben, die seit Monaten von einem Erdgasboom sprechen.

Fassen wir es in Zahlen: Um 28 Prozent nahm die deutsche Erdgasförderung 1962 zu. Fast 50 Prozent mehr wurden im vergangenen Jahr aus der Erde geholt, so daß 1963 gut 1,14 Milliarden Kubikmeter Erdgas zur Verfügung standen. Nur wenige Unternehmen im Bundesgebiet haben sich dieser Aufgabe gewidmet, ehe die großen Erdgasfelder unter der Nordsee entdeckt wurden, von denen nun alle Erdöl- und Bergwerksgesellschaften profitieren möchten. Die Wintershall Aktiengesellschaft, Celle/Kassel, die auf dem Gebiet der Kali- und Erdölindustrie in der Bundesrepublik eine führende Stellung einnimmt, darf sich zu den ersten zählen, die der Erdgasgewinnung die gebührende Beachtung geschenkt haben. Den Erfolg dieser Arbeit zeigt der neueste Geschäftsbericht und die Bilanz der Gesellschaft.

Nach einer Zuwachsrate der Erdgasförderung um 70 Prozent auf 342 Millionen cbm ist Wintershall 1963 mit einem Marktanteil von 36 (Vorjahr 30,5) Prozent an der einheimischen Förderung beteiligt. Und wenn nicht alles trügt, wird das Unternehmen seine Stellung auf diesem Sektor noch mehr festigen. Denn „die weiteren Aussichten der deutschen Erdgasgewinnung erscheinen im Hinblick auf neu entdeckte Erdgasfelder recht günstig“ vermerkt der Vorstand in seinem Bericht. Diese allgemein gefaßte Aussage darf man auch auf die Wintershall AG übertragen, die in den letzten Monaten ergiebige „Quellen“ entdeckt hat. Auch die Schätzungen über die Erdgasvorräte in der Bundesrepublik stützen eine optimistische Prognose. Hatten Fachleute Anfang 1963 noch mit Lagern von 48 Milliarden cbm gerechnet, so wollen Experten jetzt wissen, daß etwa 136 Milliarden cbm Erdgas unter deutschem Boden vorhanden sind.

Da Wintershall eigene Erdgasfelder besitzt und auch am deutschen Nordseekonsortium beteiligt ist, dessen Bohrinsel „Mr. Louie“ jetzt nördlich von Borkum seine Arbeit aufgenommen hat, kann das Unternehmen zuversichtlich in die Zukunft sehen. Denn die Ertragslage im Erdgasgeschäft ist gut, um nicht zu sagen sehr gut. Erst wenn die Riesenvorkommen aus Holland eines Tages in Pipelines über die Grenzen nach Deutschland strömen, ist ein erheblicher Preisdruck zu erwarten. „Die Zukunft der Preisgestaltung wird in Holland entschieden. Die dortige Fördergesellschaft kann die Preise zentralistisch, um nicht zu sagen monopolistisch festsetzen, wenn es soweit ist“, meint der Vorstandsvorsitzende von Wintershall, Dr. Rust, deshalb. Und der von den Segnungen des Kali-Kartells überzeugte Vorstand hofft, daß der Staat auch die Gaswirtschaft eines Tages in ein „Ordnungsschema“ einfügt, das eine Förderung zu auskömmlichen Preisen gestattet.

Im vergangenen Jahr ließ vor allem die Mengenkonjunktur beim Gas trotz leicht nachgebender Preise die Verkäufe und die Erträge bei Wintershall kräftig steigen. Während die Umsätze um 31 auf 416 Millionen Mark zunahmen, erhöhten sich Materialaufwand und Personalkosten zusammen nur um knapp fünf Millionen. So verblieb dem Unternehmen, dessen Aktien etwa zur Hälfte bei der Gewerkschaft Wintershall liegen, an der ihrerseits die Erben Rosterg und die Quandt-Gruppe beteiligt sind, ein um rund 25 Millionen Mark höherer Überschuß. Das vorsichtige und sehr solide Unternehmen nutzte ihn auf seine Art. Es stärkte die stillen Reserven, indem es die Abschreibungen um fast 45 Prozent auf 68 Millionen Mark erhöhte. Damit will sich die Gesellschaft, wie Dr. Möhle vom Vorstand erklärte, für die Zukunft wappnen.

Der Fortfall des Schutzzolls für importiertes Rohöl in Höhe von etwa 50 bis 80 Mark je im Inland geförderter Tonne wird in den nächsten Jahren nämlich zu Ertragseinbußen führen. Auch wenn künftig an Stelle des Schutzzolls Subventionen gezahlt werden, ist damit zu rechnen, daß bei Wintershall wie auch bei anderen Unternehmen einige Ölfelder unwirtschaftlich werden, weil die fixen Kosten nicht mehr verdient werden. Denn die Beihilfen des Bundes, die 1964 bei etwa 50 Mark je geförderter Tonne Rohöl liegen, werden im Laufe der nächsten sechs Jahre schrittweise abgebaut.

Mit einer nennenswerten Steigerung der heimischen Erdölförderung ist auch deshalb bei Wintershall nicht mehr zu rechnen. Ob dafür die Förderung im Ausland eines Tages einen Ausgleich bringt, ist zur Zeit noch nicht zu übersehen. Aus dem Konsortialfeld in Peru und von der Wintershall-Tochter in Kanada stammten 1963 nur 65 000 Tonnen Rohöl, das ist noch nicht ein Siebzehntel der heimischen Gewinnung des Konzerns.

Von wachsender Bedeutung für den Konzern ist dagegen die Erdölweiterverarbeitung. Die Gewerkschaft Erdöl-Raffinerie Emsland Lingen, an der Wintershall direkt mit 65 Prozent beteiligt ist, hat ihre Produktion um 13 Prozent auf 3 Millionen Tonnen gesteigert. Die neue Raffinerie in Mannheim, die vor einigen Wochen angelaufen ist und an der Wintershall mit 60 Prozent beteiligt ist, wird etwa 2,5 Millionen Tonnen jährlich durchsetzen können. Und da aller guten Dinge drei sind, überlegt man bei Wintershall, wie Dr. Rust vor der Presse andeutete, den Bau einer weiteren Raffinerie, über die man jedoch noch keine Einzelheiten mitteilen wollte.

So sehr der Erdöl- und Erdgasbereich in den letzten Jahren bei Wintershall auch in den Vordergrund getreten ist, das traditionelle Düngemittelgeschäft ist immer noch „die feste und stille Grundlage“ des Unternehmens. Fast die Hälfte des gesamten Kaliverkaufs über das Syndikat stammte im vergangenen Jahr von der Wintershall-Gruppe, zu der neben der Wintershall AG die Organtochter Burbach-Kaliwerke AG und die Gewerkschaft Wintershall zählen.

Nachdem der Gesamtabsatz der westdeutschen Kaliindustrie 1962 um 5 Prozent zurückgegangen war, stiegen die Verkäufe im vergangenen Jahr um mehr als 8 Prozent auf 2,04 Millionen Tonnen. Sozusagen über Nacht hat sich die Lage auf dem Weltmarkt gewandelt, als Chruschtschow entschied, die Erträge der russischen Landwirtschaft durch intensivere Düngung zu steigern. So konnte auch Wintershall „alles absetzen, was es produzierte“, weil die Exporte, vor allem nach Fernost, um 18 Prozent emporschnellten und nun wieder bei fast 40 Prozent des Absatzes der deutschen Erzeugung liegen.

Die vor Jahresfrist geäußerten Sorgen über die neu auf den Weltmarkt drängenden Kalimengen haben sich also nicht bewahrheitet. Wintershall hofft auch in drei, vier Jahren die eigene Erzeugung aus Kanada glatt absetzen zu können, wenn das dort mit der Salzdetfurth AG gemeinsam errichtete Kalibergwerk zu fördern beginnt. „Wir befinden uns beim Kali in der glücklichen Situation, daß der Absatz ständig zunehmen wird“, erklärt Dr. Rust. Weil die Bevölkerung in der Welt weiter wächst und die Menschheit sich ernähren muß, wird es immer dringlicher, der Abnahme der natürlichen Ertragskraft des Bodens durch Düngung entgegenzuwirken.

Walther Weber