„Nevada“ (USA; Verleih: Atlas): Mit diesem Film wird zum erstenmal in angemessener Form in der Bundesrepublik ein Regisseur vorgestellt, der über siebzig Filme gemacht hat, darunter einige, die zu den besten gehören, die je in Hollywood entstanden sind, so etwa der in Deutschland nur verstümmelt und unter einem marktschreierischen Titel angebotene Kriegsfilm „The Story of G. I. Joe“, während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs gedreht und den Amerikanern rechtzeitig zum „Sieg“ präsentiert, eine der schärfsten Abrechnungen der Kunst mit dem Krieg, nicht weniger schockierend und nicht weniger konsequent als „Nobi“.

Neben dem frühen Gangster-Film „The Public Enemy (1931) sind es vor allem immer wieder Western gewesen, die Wellman gelungen sind, der sonst mehr redliche als gute Filme gemacht hat: der legendäre Anti-Lynch-Film „The Ox-Bow Incident“, die schöne Trappergeschichte „Across The Wild Missiouri“, zur Zeit unter dem Titel „Colorado“ bei uns im Verleih, der melancholische „Buffalo Bill“, der ganz alte Film „Robin Hood of El Dorado aus dem Jahre 1936, vielleicht der erste kritische Western überhaupt, und schließlich „Nevada(Yellow Sky, 1948), den manche für den besten Western Wellmans halten, ein Film, der allerdings nicht durchweg hält, was er mit seinem grandiosen Anfang verspricht.

Diese Szenen – der Banküberfall und der Verfolgungsritt bis in die Salzwüste, dann die ermatteten Männer inmitten einer weiten, erbarmungslosen Landschaft, die Brutalität, mit der das gezeigt wird – müssen ohne Zweifel zu den wenigen des Genres gerechnet werden, die den üblichen Durchschnitt entscheidend deklassieren. Danach beginnt sich die Geschichte ein wenig hinzuschleppen, das Drehbuch läßt Wellman und seinen fabelhaften Kameramann Joe McDonald im Stich, die archaische Auseinandersetzung zwischen dem Guten und dem Bösen ist etwas mühsam herbeigeführt.

Es geht um Gold und um ein Mädchen, um einen Banditen, der eigentlich doch das Herz auf dem rechten Fleck hat, und um einen anderen, der so böse ist, daß er seiner verdienten Strafe nicht entkommt. Die herzensgute Metapher am Ende, dem tödlich getroffenen Widmark rinnt nicht-Blut aus der Wunde, sondern Goldstaub aus dem durchschossenen Säckchen, gibt dem Ganzen wieder eine sympathische Dimension. Wärme und Humanität und ein gutmütiges, aber doch entschiedenes Engagement, immer wieder durchgesetzt gegen die Gepflogenheiten der Traumfabrik, geben dem Werk dieses Mannes seinen Rang.

Der Verleih Neue Filmform Heiner Braun wird im Herbst „The Ox-Bow Incident“ unter dem Titel „Ritt zum Ox-Bow“ in die Bundesrepublik bringen, und dann wird es an der Zeit sein, sich ausführlicher mit Wellman zu beschäftigen. Er verdient es. U. N.

„Der Kandidat“ (USA; Verleih: United Artists): Ein Reißer von unvermuteter Aktualität. In der amerikanischen Wirklichkeit heute übertrug im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur Rockefeller seine Stimmen auf Scranton, um die Wahl Goldwaters zu verhindern. Im Film „Der Kandidat“, der auf dem immerhin vier Jahre alten Bühnenstück von Gore Vidal beruht, ist es der Intellektuelle Russell (Henry Fonda), der seine Stimmen einem Dritten überträgt, um die Wahl des skrupellosen Machtmenschen Cantwell (Cliff Robertson) zu verhindern. – Unter der Regie von Franklin Schaffner (am Broadway inszenierte er den „Sturm über Washington“) wurde aus den Intrigen Russell – Cantwell ein spannungsreiches Match, in dem die Fouls entscheiden: Was also gibt den Ausschlag – die kommunistische oder die homosexuelle Jugendsünde? Als Zuschauer kann man diesen Kampf nur mit der gleichen Anteilnahme verfolgen wie auf dem Sportplatz oder bei der Schönheitskonkurrenz. Und genau so passiv kommt die lärmende Menge im Film aufs Bild: die Parteidelegierten – in der Sports Arena von Los Angeles. Drum ist der Film auch so dröhnendhektisch aufgezogen wie eine Sportreportage; drum verkündet er auch den naiven Glauben, daß der „best man“ gewinnt – unter dem sicheren Beifall der Masse. Ein gefährlicher Glaube.

D. K.