Erlangen

Der zuständige Referent beim Ordnungsamt der Stadt Erlangen kann einen Antrag, der ihm einigen Kummer bereitete, leichten Herzens vorläufig abheften: Den Antrag der beiden Professoren Gerd Hegemann und Karlheinz Hackethal, ihnen Waffenscheine auszustellen, da sie sich gegenseitig bedroht fühlten. Der Antrag erledigte sich vorläufig dadurch, daß Hackethal diese Erklärung abgab: „Hiermit widerrufe ich alle Vorwürfe, die ich gegen Herrn Professor Hegemann erhoben habe.“

Ob sich hinter diesem Widerruf wirklich das Ende des mittlerweile berühmt gewordenen Erlanger Professorenstreits verbirgt, ist noch nicht ausgemacht. Unheil genug hat dieser Streit jedenfalls angerichtet. Er begann damit, daß der Unfallchirurg und Oberarzt Professor Karlheinz Hackethal von seinem Klinikchef, Professor Dr. Gerd Hegemann, nicht zum stellvertretenden Chefarzt an der Chirurgischen Klinik der Friedrich-Alexander-Universität von Erlangen berufen wurde.

Sieben Jahre hatten die beiden Professoren schon zusammengearbeitet. Dann bekam Hackethal im November 1963 von seinem Chef Operationsverbot. Allmählich lief der „Apparat“ auf Touren. Eine Krankengymnastikerin sammelte bei den Patienten Unterschriften für Hackethal. Ihre daraufhin ausgesprochene Entlassung wurde allerdings bald wieder zurückgenommen. Dann beantragte Hackethal die sofortige Beurlaubung seines Chefs. Was er an Vorwürfen gegen Hegemann bekanntgab, war massiv. Das hätte in einem Kriminalroman stehen können. Durch seinen Rechtsanwalt Dr. Josef Augstein aus Hannover warf Hackethal seinem Chef eine sehr hohe Mortalitätsquote vor. Man gehe doch in der Erwartung in eine Universitätsklinik, daß eine gefährliche Operation nur im Dringlichkeitsfalle durchgeführt werde, meinte Hackethal. Das sei jedoch bei Hegemann nicht der Fall gewesen. In der Erklärung hieß es dazu: „In der benachbarten Universitäts-Kinderklinik in Erlangen beträgt die Mortalitätsquote bei Kindern von 1 bis 14 Jahren bei Wundstarrkrampferkrankung in den letzten fünf Jahren 9 Prozent, bei Herrn Professor Dr. Hegemann bei gleichaltrigen Kindern 60 Prozent.“ Bei Herzoperationen liege die Sterblichkeit weit über dem Durchschnitt anderer vergleichbarer Universitätskliniken. Ihm, Hackethal, gehe es im übrigen allein um die Patienten und nicht um die Besetzung des Postens eines stellvertretenden Chefarztes.

Während sich die Studenten bemühten, aus diesem Streit herauszubleiben, sprach die Medizinische Fakultät Hegemann ihr Vertrauen aus und stellte einen Antrag auf vorläufige Dienstenthebung Hackethals und auf Widerruf für dessen Lehrbefugnis. Da begann diese Affäre allen Ärzten und nicht nur den Professoren, peinlich zu werden. Der Berufsverband der bayerischen Chirurgen forderte im Interesse der Allgemeinheit eine rasche Klärung: In der Chirurgie sei das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer, zwischen Operateur und Assistent, wegen der ungeheuren Verantwortung eine der wichtigsten Voraussetzungen einer ordnungsgemäßen Klinikführung. Der Streit in Erlangen, so meinte der Berufsfachverband weiter, sei deshalb so bedauerlich, weil er eine schwere Schädigung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient bedeute, die Kranken beunruhige und das Ansehen der Universitätsklinik und deren Ärzte gefährde. Tatsächlich tauchten in jenen Tagen die ersten Meldungen auf, daß Angehörige Patienten wieder aus der Klinik Hegemanns geholt hätten, daß es unter den Patienten und Studenten zu Unruhen gekommen sei.

Dann entzog der Große Senat der Universität Hackethal vorläufig einmal die Lehrbefugnis, bis die gegen ihn eingeleiteten Verfahren beendet seien. Hackethal aber gab nicht nach, trotz Ermahnungen des Rektors. Da berief auf Antrag der Universität das Kultusministerium in München Hackethal „nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes“ nun auch noch von seinem Posten als Oberarzt der Chirurgischen Klinik ab. Hackethals Reaktion: „In geschlossener Gesellschaft“ hielt er in einem Erlanger Gasthaussaal seine Vorlesung weiter. Er stellte dabei auch Patienten vor. Die Studenten drängten sich so, daß sie bis auf den Hof standen.

Die Lawine rollte weiter. Dienststrafverfahren gegen Hackethal wegen Beleidigung, Nötigung und Störung des Operationsbetriebs. Dem Oberarzt wurde es zu bunt. Anfang Februar kündigte Hackethal in einem Telegramm an den Kultusminister sein Dienstverhältnis und sein Beamtenverhältnis fristlos. „Entbinden Sie mich bitte von einer anscheinend grenzenlosen Gehorsamspflicht.“ Es hieß damals, Hackethal beabsichtige, in Erlangen eine Privatklinik aufzumachen.

Mittlerweile liefen die Ermittlungen gegen beide, gegen Hegemann und Hackethal. Schon nach kurzer Zeit erklärte der Staatsanwalt, daß die Vorwürfe im Fall Hegemann haltlos seien. Wenig später wurde das gegen ihn beantragte Ermittlungsverfahren eingestellt.

Klinikchef Hegemann hatte bis dahin, klug beraten, geschwiegen. Dann erklärte er lapidar: „Es handelt sich um einen infamen Verleumdungsfeldzug eines Schülers gegen seinen Lehrer, der einmalig in der Geschichte der Medizin ist.“ Das alles war indessen nur eine Zwischenstation. Denn nun beantragte Hackethal beim Präsidenten der Landesärztekammer in München gegen sich ein Ehrengerichtsverfahren; den Präsidenten des Berufsgerichts für Heilberufe beim Oberlandesgericht in Nürnberg bat er um die Einleitung eines Berufsgerichtsverfahrens.

Allzuviel schien er allerdings nicht von diesem Berufsgericht zu erwarten. Denn Anfang Mai dieses Jahres, als die Rechtsanwälte Hegemanns und Hackethals einen Vergleich vor Gericht ablehnten, weil die Meinungen zu weit auseinandergingen, meinte Rechtsanwalt Augstein: Ein Berufsgericht bestehe ja doch aus einfachen Ärzten, die vor jedem Professor tief katzbuckelten.

Immerhin, es wurde jetzt wieder ruhiger in Erlangen. Hackethal lehrte nicht mehr und operierte auch nicht mehr. Hegemann hielt sich weiterhin zurück. Man wußte nur, daß einige Verfahren noch liefen. Und dann kam der überraschende Widerruf Hackethals. Rechtsanwalt Augstein gab bekannt, daß er seinen Mandanten zu diesem Schritt geraten habe. Das Verfahren gegen Hegemann sei sowieso von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, nachdem sich die Vorwürfe des früheren Oberarztes als gegenstandslos erwiesen hatten. Hackethal war von einem Nürnberger Gericht obendrein untersagt worden, weiterhin abfällige Bemerkungen über Hegemann zu verbreiten. Unter diesen Umständen, so meinte Anwalt Augstein, hätte Hackethal mit jahrelangen Prozessen rechnen müssen. Das hätte sein Mandant jedoch kaum durchstehen können. Da sei es eben am besten gewesen, zu widerrufen.

Nicht nur in Erlangen war man erstaunt ob dieses plötzlichen Streit-Endes. Aber vielleicht geht alles noch weiter: Vielleicht stellt der Staatsanwalt gegen Hackethal Anzeige wegen falscher Anschuldigung; vielleicht entscheidet sich Hegemann dann, ob er zivilrechtlich gegen Hackethal vorgehen soll. Der Anwalt Hegemanns erklärte, man habe sich auch noch nicht entschlossen, ob man auf Schadenersatz klagen wolle. Dabei allerdings werde es dann um astronomische Summen gehen; der immaterielle Schaden für Hegemann sei überhaupt nicht abzuschätzen. Und schließlich hat auch der Bayerische Chirurgenverband noch ein Wörtchen mitzusprechen. Nach einem ärztlichen Berufsgerichtsverfahren, so sagt man dort, wolle man unter Umständen Konsequenzen ziehen.

In Erlangen gehen die Studenten wieder in die Vorlesungen. Hackethal aber, so hört man, will die Stadt verlassen. Paul Stein