Von Marcel Reich-Ranicki

Gewiß, er ist bekannt im deutschen Land: Nennt man die besten Namen, so wird auch der seine genannt. Er hat viele Preise erhalten. Aber nicht allzu viele Leser gefunden. Er gehört zu den erzählerischen Talenten unserer Tage. Aber seinen bisher einzigen starken Erfolg verdankt der Österreicher Herbert Eisenreich einem Hörspiel. Das Schicksal der Funkdichtungen hängt indes nur in einem geringen Maße vom Publikum ab, es wird von der Fachwelt entschieden, von den Dramaturgen und Programmchefs also, von den Rezensenten und Juroren.

Dieses 1955 erstmalig gesendete Hörspiel, das jetzt in einer Neuausgabe vorliegt –

Herbert Eisenreich: "Wovon wir leben und woran wir sterben"; Furche-Bücherei, Band 223, Furche-Verlag, Hamburg; 56 S., 3,80 DM

– stammt aus jenen Jahren, da es noch nicht üblich war, das Wort "Wirtschaftswunder" mit den Anführungsstrichen des schlechten Gewissens zu versehen, und der Begriff "Kontaktlosigkeit", den Stilisten zum Trotz, schon erschreckend modern wurde. Die Diskrepanz zwischen äußerer Betriebsamkeit und innerer Haltlosigkeit erwies sich als das Thema der Epoche.

Eisenreich sah die Zeichen der Zeit und ließ sie deutlich werden: Das Hörspiel "Wovon wir leben und woran wir sterben", das die Geschichte einer gescheiterten Ehe erzählt, ist eine Studie über den Verschleiß der Seelen und den Verlust der Bindungen inmitten bundesrepublikanischer Tüchtigkeit, über die Verkümmerung und die Krisen des Individuums, das dem Geld nachjagt und sich im Konkurrenzkampf zu behaupten sucht.

Auch in einem anderen Sinne merkt man dem virtuos, vielleicht etwas zu virtuos geschriebenen Zwei-Personen-Drama die Entstehungszeit an. Das Stück, das seine Höhepunkte in monologischen Rückblenden erreicht, endet mit der Regieanweisung "Schweigen"; das Wort, das im Text am häufigsten vorkommt, lautet "Pause". Denn das deutsche Hörspiel hatte gerade – ein halbes Jahrhundert nach Tschechows Tod – entdeckt, daß man dem Schweigen schreiende Kraft abgewinnen und daher die Pause zum fundamentalen Ausdrucksmittel erheben kann. In den dreißiger Jahren gingen die Hörspielautoren mit der Geräuschkulisse verschwenderisch um, in den fünfziger Jahren schwelgten sie in der Stille, die lautstark wirken sollte.