München

Also stellt es in der bayerischen Landes-Volksschulordnung: "Die körperliche Strafe ist nur dann gerechtfertigt, wenn alle anderen Erziehungsmaßnahmen und Schulstrafen versagt haben. Sie dient nur der Aufrechterhaltung der Schuldisziplin und als Strafe bei schweren Verfehlungen, insbesondere bei grober Unbotmäßigkeit oder Roheit. Jede gesundheitsschädigende, das Anstands- und Sittengefühl verletzende Behandlung ist verboten..."

Soweit die Theorie. Wie es mit der Praxis steht, das wollte Professor Dr. Heinz-Rolf Lückert wissen. Lückert, Psychologe und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Pasing, leitet das neue Institut für Jugendforschung und Unterrichtspsychologie. Er ließ 246 Buben und Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren Fragebogen ausfüllen. Die Kinder sollten angeben, wie sie in der Schule und Zuhause bestraft würden, welche Strafen ihnen angenehm, welche besonders unangenehm wären; und schließlich auch, welche Strafen sie, die Schüler, selbst "empfehlen" könnten. Damit für die Befragten jedes Risiko ausgeschaltet werden konnte, durften sie die Fragebogen anonym beantworten. Und siehe da: es kam allerhand ans Tageslicht.

Zunächst: Theorie und Praxis klaffen auseinander. Denn 78 Prozent der Buben und 49 der Mädchen wußten von Stockschlägen auf die Hand, in Bayern "Tatzen" genannt, zu berichten. Allerdings auch davon, daß die Pädagogen beim Tatzengeben nuancieren. Es gibt Tatzen auf die Mittelhand, auf die Finger und schließlich auf die Fingerspitzen – die tun am ärgsten weh. Selbstverständlich werden auch Watschen ausgeteilt, sittsam Ohrfeigen genannt; 67 Prozent der Buben und 54 der Mädchen hatten da so ihre Erfahrungen. Beim Einheimsen von Schlägen auf das Hinterteil, in Bayern nennt man das "Hosenspanner", war von Gleichberechtigung wenig zu spüren. Nur sieben Prozent der Mädchen, jedoch 57 Prozent der Buben hatten sie zu kassieren. Ähnlich beim Ziehen an den Haaren: 31 Prozent der Buben, vier Prozent der Mädchen. Beim "Ohrenziehen" führen die Buben mit 23 vor den Mädchen mit fünf Prozent.

Weit an der Spitze der Strafen liegen allerdings Nachsitzen und Strafarbeiten. Je 90 Prozent der Befragten waren davon betroffen worden. In ländlichen Schulen ist noch das Holzscheitknien teilweise in Mode. Der also Bestrafte hat sich – bis zu einer Stunde, wurde berichtet – auf ein dreikantiges Holzscheit zu knien und ehrfurchtsvoll zu verharren.

Aber körperliche Züchtigungen werden leicht hingenommen. Als schwerste Strafen gelten, in der Sicht der Schüler, die Strafarbeit und das Nachsitzen. Nachsitzen verabscheuten besonders 25 Prozent der Buben und 24 Prozent der Mädchen; Straf arbeiten 34 Prozent Buben und 15 Prozent Mädchen: "Beim Nachsitzen und bei den Strafarbeiten geht uns Freizeit verloren, und das ist am allerschlimmsten."

Hätten die Schüler selber das Strafmaß zu bestimmen, würden sie Freizeiteinbußen und körperliches Ungemach gleicherweise zu vermeiden trachten. Ihre Vorschläge sehen so aus: Knien auf Steinen; Reinigen des Klassenzimmers; Einsperren; Liegestütz-Pumpen; Schuhe für den Lehrer putzen; Fensterputzen; Bücher für den Lehrer leimen. Einige empfehlen sogar, man solle die Sünder in der Schule mit einem Schild herumlaufen lassen, auf dem steht: "Ich soll dem Lehrer besser folgen!"