"Die Dresdner Kunstsammlungen sind zu wahren sozialistischen Bildungsstätten des Volkes geworden", las ich in einem Faltblättchen. Sie sind es wirklich. Vor der Kasse in der Gemäldegalerie standen zu. jeder Tageszeit Schlangen. Auf dem Theaterplatz spuckten die Busse immer neue Reisegesellschaften aus. Der Zwingerhof und die Ausstellungsräume wimmelten von Polen, Tschechen, Jugoslawen, Deutschen. Wer "fertig" war, eilte hinüber zum "Italienischen Dörfchen", um vor der Abfahrt noch einen zu heben. In dem Bewußtsein, daß einem die sozialistische Reife noch fehlte, studierte man die Gesichter dieser Leute und überlegte, was ihnen lieber war: Die Sixtinische Madonna oder der Platz an der Theke.

Ich hatte Dresden nach zwölf Jahren wiedergesehen. Dennoch, ich war mit einer falschen Einstellung hergekommen. Ich las in einem Prospekt als wir die Stadt bereits verlassen hatten: "Heute erlebt Dresden die wohl stärkste Verwandlung in seiner über 750jährigen Geschichte. Mit alten Vorstellungen allein wird sich dem Besucher die neuerstandene, die werdende sozialistische Großstadt Dresden nicht erschließen."

Auf seine Weise fühlte Richard Groß, zuständig für "offene Fragen" der Journalisten, mit ins. Wir saßen beim Essen zusammen am Tisch, zuerst meist aus Höflichkeit: Denn er hatte sich bitter darüber beklagt, daß die Damen und Herten der westdeutschen Reisegesellschaft nach sechs Tagen noch immer geflissentlich über ihn hinwegsahen und sogar vergaßen, ihm einen "guten Morgen" zu wünschen. Groß bezeichnete sich selbst als "SED-Schriftsteller", Verfasser mehrerer satirischer Romane und Zukunftsbücher. Er war kein Agitator und alles andere als ein geschickter Dialektiker. Dafür konnte er Witze erzählen. Ein Abend in einem Ostberliner Tanzkasino in der Nähe der Friedrichstraße, ein Etablissement mit Berliner Vorstadtmilieu und Tischtelephonen, überbrückte unsere gemeinsame Unsicherheit.

Im eleganten Café Moskwa auf der Karl-Marx-Allee war es dann soweit: Ein Lehrer-Ehepaar aus dem Sauerland nahm sich die Freiheit und fragte Ingeborg Domagalla, ob es den Abend in Westberlin verbringen könne. Westberlin war nicht weit. Vom Brandenburger Tor trennten uns kaum tausend Meter. Unsere DDR-Reisebegleiter wurden blaß und blieben höflich. – Noch am Nachmittag hatten in Treptow zwei alte Frauen vor unseren Bussen gestanden. "So, so, die Westdeutschen fahren durch die Zone", sinnierte die eine. "Und wir? Wir dürfen nicht einmal fünf Minuten weit nach Bernau." Wahrscheinlich hatte sich das Lehrer-Ehepaar bei seiner Frage nichts gedacht. Sie wollten nichts weiter, als sich einen schönen Abend in Westberlin machen. Und neun Tage in der DDR waren lang ...

Potsdam. Die ungeheure Mühe und die ungewöhnlichen Aufwendungen, die man zur Restaurierung der alten Schlösser und Denkmäler im Geiste des alten Potsdam gemacht hat, sind wunderlich. Sie werden erst verständlich, wenn man daran denkt, daß dieser Geist von Potsdam, mit dem man sonst nicht zimperlich umgeht, für die Belebung des sozialistischen. Soldatentums wieder notwendig wurde. Besonders stolz ist man hier – wie auch in Dresden – auf die großen Mengen kostbaren Blattgoldes, die bei der Renovierung verwendet wurden. Kein Wunder, daß die Mühle von Sanssouci, einst Wahrzeichen aufrechten Mannesmutes gegen den Feudalherren, erst an zweiter Stelle im Aufbauplan vorgesehen ist. Unzerstörbar: Der alte Gartenzauber des Parks von Sanssouci.

Letzter Abend in der DDR, im Magdeburger Hotel "International". Spät, aber nicht zu spät hatte Richard Groß einen Partner gefunden, der mit ihm über die Einheitswahlen diskutierte. Da halfen keine Witze mehr. Da hörte der gemütliche Service für die westdeutschen Journalisten auf. Die Gegner fochten nicht elegant, aber beharrlich und eisern. Schließlich meinte Richard Groß: "Nun laßt uns doch endlich in Ruhe. Wir schaffen es alleine."

Abschied am nächsten Morgen. Halberstadt und Quedlinburg sollten wir ohne unsere Begleiter besuchen. Es war seltsam: Aber der Abschied von Ingeborg Domagalla fiel uns schwer. Taktvoll und geschickt hatte sie die Reisegesellschaft geführt, die ebenso selbstbewußt gekommen war, wie ein Bus voller Ruhrkumpel in die erste Zeche eines afrikanischen Entwicklungslandes. Ein alter Herr bedankte sich bei ihr: "Wir haben gut gegessen und gut getrunken. Bananen und Apfelsinen – das haben wir in unserer Jugend auch nicht gehabt. Es war sehr schön, wenn nur die traurige Politik nicht wäre..."

Am Schluß noch ein gesamtdeutsches Mißverständnis. Auch Richard Groß war gekommen. Ganz klar wurde uns seine Mission nie. Er hatte mir ein Buch geschenkt, das er geschrieben hatte, einen Zukunftsroman, in dem die klassenlose Gesellschaft bereits verwirklicht war. Sein Versprechen, mir eine Widmung in das Buch zu schreiben, hätte ich vergessen. Vorsichtig erinnerte er: "Eigentlich bin ich nur gekommen, um etwas in mein Buch zu schreiben." Da plötzlich schien mir klar, warum uns Richard Groß auf unserer kunsthistorischen Studienreise begleitet hatte: "Sie wollen also etwas über die westdeutschen Revanchisten in ihr neues Buch schreiben." Das Entsetzen in seinen Augen war echt. Das ganze Mißtrauen zwischen den Deutschen aus zwei Ländern steckte in meinem Satz und seiner Reaktion. Ich gab ihm das Buch, und er schrieb hastig auf das Vorsatzblatt: "Geichviel..." (Schluß)