Von Hartmut von Hentig

Das Leben in der modernen Gesellschaft ist anstrengend geworden. Wir sind überlastet und was wir tun, erledigen wir nur noch lustlos. Das trifft für jedermann zu, obwohl viele Menschen sich in dieser neuen Welt langweilen und nur wenige in ihr den Managertod sterben. Lärm, Hast – auch die der anderen –, eine mörderische Publizität, die nie versiegende Nachrichtenflut, die uns die Veränderungen der Welt in jedem Augenblick bewußt hält, eine nirgendwo endende Verantwortlichkeit und eine kaum besser begrenzte Angst zerren an uns allen.

Gewiß, das moderne Leben hat Erleichterungen geschaffen, von der Waschmaschine zur Plastictüte, von der Lokalanästhesie zum Tesafilm. Aber dafür haben sich andere tückische Formen der Anstrengung eingestellt, Belastungen, die man nur an ihren Auswirkungen erkennt: die Vereinsamung des Menschen, die Langeweile, der Mangel an einsehbarem Sinn so vieler abstrakt gewordener und kollektivierter Tätigkeiten, die Unentrinnbarkeit der „Verrichtungen“, zu denen das pünktliche Entleeren der Mülleimer ebenso gehört, wie die rechtzeitige Zahlung der Versicherungsrate, das tägliche Studium der Aktienkurse, die Volkszählung, die Schluckimpfung oder die Steuererklärung.

Vor allem aber sind es die vielen Erkenntnisse und Erkenntnisweisen, denen wir nicht mehr gewachsen sind – Erkenntnisweisen, die wir zwar für Dinge erfunden haben, nun aber auf uns selbst und unsere Ordnungen anwenden müssen. Das sind die Gespenster, die dem einzelnen viel schlimmer zusetzen als Arbeit oder Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Unfreiheit, die klassischen Gespenster der Vergangenheit.

Wir suchen Flucht vor und Ausgleich zu alledem. Wo sind die Korrektive, die uns dabei helfen können?

Ein wichtiges Korrektiv im Anpassungsakt des Menschen war, solange es sie gab, die Faulheit. Man hat uns wenig davon gelassen, uns jedenfalls das gute Gewissen dabei genommen. Und der Rest wird von einem anderen Korrektiv aufgefressen, dem Kommunikationszwang.

Das Leben ist so komplex geworden, daß wir nicht mehr ohne ständige Kommunikation sein können, nicht ohne Gespräch, ohne Lektüre, Vorträge, Tagungen, nicht ohne eine education permanente. Die eigene Erfahrung genügt nicht mehr, nicht einmal im eigenen Beruf, in dem wir Experten zu sein glauben und in dem viele von uns meinen, an der Front dessen zu stehen, was man im eigenen Tätigkeitsbereich überhaupt nur wissen kann.