Von Karl Otto Conrady

Friedrich Griese fühlt sich verkannt, das warzu erwarten. Seine Vorwürfe treffen indes nicht zu. Da er auch mein „Amt“ beruft, sei eine persönliche Anmerkung erlaubt. Ich gehöre zu den einst jugendlich Begeisterten meiner in Unwissenheit erzogenen Generation, und ich zähle es nun zu den Pflichten eines akademischen Amtes, Ursachen der deutschen Katastrophen zu erkennen und zu warnen, wo es nötig scheint.

Der von Griese angeführte Satz hat eine Parallele in einer meiner „unerläßlichen Unterlagen“. Im Buch „Das ebene Land“ steht (S. 115): Niemand wird das deutsche Volk wieder zu einem Volk von Ackerbauern und Viehzüchtern nachen können ...“ Doch habe uns „immer der gemeinsame Boden zusammengehalten. Denn hinter den dörflichen Dingen, hinter dieser oft so ärmlichen und hilflosen und immer einfachen und anspruchslosen Welt, die nicht reden, die sich immer nur offenbaren konnte, liegt das Geheimnis aller deutschen Dinge: die eine Gewißheit von der Untrennbarkeit des Ganzen und die andere, daß diese Untrennbarkeit nur möglich war und weiterhin aufrechterhalten werden konnte durch die Erkenntnis des Plans und der großen Ordnung, die ihr innewohnte. Das, und nur das allein, war immer der Sinn des Dorfes, war Sinn und Bedeutung der deutschen Landschaft. Da es zu aller Zeit der erste und einzige Sinn war, wird es auch für die gesamtdeutsche Welt der gültige und letzte sein müssen.“ Noch gelte die Lehre von der Weltesche, dem Weltmutterbaum“; „wir stehen noch heute in ihrem Bann, wenn wir dort, wo wir das Letzte und Tiefste und Heiligste beschwören wollen, von der Mutter Erde sprechen, ein Wort, dessen tragende Bedeutung nur der Deutsche ganz erfassen kann. Immer wieder stieg er zu den Müttern hinab, immer wieder rief er nach Land, nach der Erde, und niemals wurde er so hart getroffen, als wenn man ihm diese nahm oder sie ihm vorenthielt.“

Das ist jene in unklarer Sprache sich äußernde Mystifikation vernunftferner Kräfte zu letzten Werten, die mit der verschwommenen Blut-und-Boden-Ideologie durchaus harmonierte und dementsprechend auch verbunden wurde. Der greise Schriftsteller distanziert sich von solchen Verbindungen, er will oder kann sie nicht begreifen. Er sieht nur Verfälschung seiner „Grundauffassung“, heute wie schon damals (und hat doch noch 1940 und 1941 in Organen der Rosenberg-Reichsstelle publiziert). Aber seine Differenzierung trifft gar nicht das Wesentliche.

Niemand stempelt Griese zum Parteidichter, vom „Anführer“ ist überhaupt die Rede nicht, doch auf dem Boden solcher „Grundauffassung“ vermochte die NS-Weltanschauung zu wachsen und ist sie gewachsen. Das muß gesehen werden.

Die Vorgänge in der Dichterakademie sind nachprüfbar, man halte sich an die Dokumente und gerade auch an die Tagebücher Oskar Loerkes. (Dort unter dem 6. Mai 1933: „Die Sitzung ist vorüber. Es wurde nicht gewählt, sondern angehört.“ Offizielle Verlautbarung am 8. Mai: „Der Kultusminister [Rust] hat ... berufen Griese gehörte zu den Berufenen.) Die Frage „Zuwahl“ oder „Berufung“ ist ohnehin sekundär: Nachdem Anfang Mai die „Zivilisationsliteraten“, die Juden und Halbjuden, ausgeschaltet wurden, war der Weg für die Phalanx der „Volksbewußten“ von Beumelburg bis Will Vesper frei. Schon unter dem 11. April 1933 steht übrigens in Loerkes Tagebuch: „Gleichschaltung, wie das neue schöne Wort heißt...“ Er selbst war bereits auf schmähliche Weise als Sekretär entfernt worden.

Daß sich Eduard Spranger und Rudolf Pechel für Griese eingesetzt haben, ist ein Zeugnis würdiger Menschlichkeit: Kein Schriftsteller, auf welcher Seite er stehen oder gestanden haben mag, gehört ins Zuchthaus. (Wenn die Akademiemitglieder nach 1933 doch auch so für die Ausgestoßenen und Entrechteten eingetreten wären!) Über die literarischen Qualitäten läßt sich gleichwohl noch (wie bei vielen Heimatromanen) streiten, und wer die Möglichkeiten sprachlicher Kunst bei Proust und Joyce, Hofmannsthal und Döblin, Kafka und Brecht, Thomas und Heinrich Mann bewundert, kann schwerlich anders, als seine Maßstäbe danach einzurichten.

Und am Ende mag sich mancher Leser an eine der Brechtschen Geschichten vom Herrn Keuner, dem Denkenden, erinnern: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ – ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“