Von Walter Widmer

Seit rund drei Jahren grassiert in Deutschland ein Übersetzerpaar, das sich auf einen der geistvollsten französischen Autoren spezialisiert hat: auf Raymond Queneau.

Wer ist Raymond Queneau? Seine Tochter Zazie ist längst zu einem Begriff geworden, sie ist das vorlaute, schlagfertige, witzig-freche und mit Leben und Umwelt intim vertraute Gör aus der Banlieue, das unbedingt einmal mit der Metro fahren möchte und aus allerlei Gründen nie dazu kommt. Vielleicht hat der oder jener auch seine „Exercices de style“ zur Kenntnis genommen. Doch diese beiden Bücher sind nur ein kleiner Teil seines Oeuvre. Queneau ist 1903 in Le Havre geboren, gehörte zwischen 1924 und 1929 zu den Surrealisten und wirkt seit Jahren als Lektor und Herausgeber der Encyclopedie de la Pléiade im Pariser Verlag Gallimard.

Queneau macht es seinen Lesern schwer. Sein Werk gibt sich nicht ohne weiteres preis. Er ist kein Vertreter sinnfälliger Ideen und verkörpert einen höchst differenzierten Typus des Schriftstellers, der in Deutschland, wo ernste Gedanken sich immer weltanschaulich gebärden oder zumindest in gedankentiefe Watte verpackt daherkommen müssen, kaum anzutreffen ist. Der deutsche „Moralist“ plakatiert seine Sendung, er führt quasi dauernd seine private Posaune des Jüngsten Gerichts bei sich, er eifert und bekehrt, führt Fehde um Fehde, wirft Handschuh um Handschuh hin. Und spricht er unernst von ernsten Dingen, läßt er nicht zumindest ab und zu durchblicken, daß er im Grunde ein zähflüssiges Gemüt habe und auf Kant und Schopenhauer fuße, ironisiert er gar sich selber, so wird er als Hanswurst oder bestenfalls als Sonderling abgetan.

Ganz anders in Frankreich. Selbst Charles der Große, der völlig humorlose Künder der Grandeur de la Nation, hat es nicht fertiggebracht, die Tradition der Chamfort, Rivarol, Léautaud und ihresgleichen zu ersticken. Der gallische Geist wirkt fort, er ist wie eh und je spöttisch und kritisch, unabhängig und eigenwillig, keinem Dogma verpflichtet, keiner Weltanschauung hörig, sondern frei, überlegen, sich selber treu, keiner Obrigkeit dienstbar.

Unter diesen freien Geistern ist Queneau einer der originellsten und eigenwilligsten, auch phantasiereichsten, freilich auch einer der hermetischsten. Alles, was er schreibt, wird auf Umwegen, die oft abenteuerlich sind, an den Leser herangetragen. Dieser muß fähig sein, sich im Laboratorium der Sprache zurechtzufinden, die immer wieder neuen Maskierungen zu durchschauen, nicht nur zwischen, sondern auch hinter den Zeilen zu lesen, die proteushaften Verwandlungen des Autors mitzuleben. Denn Queneau ist mit jedem neuen Werk ein völlig Verwandelter.

Wenigstens nach außen hin, denn im Grunde geht es ihm stets um das gleiche: um die Sprache. Thema, Stoff, Vorwurf mögen variieren, einmal urdrollig sein, einmal pedantisch ernst, dann wieder böse und sarkastisch oder beinahe idyllisch (doch mit einem guten Schuß Ironie gewürzt), immer aber steht die Sprache im Mittelpunkt. Er prüft sie gewissermaßen auf ihre Zerreißfähigkeit, er tastet sie ab, sucht Lücken, Höcker, blinde Stellen, parodiert geläufige Sujets, indem er sie durch künstliche, kunstvolle Mixturen von Umgangssprache, Argot und gehobenen, bewußt gestelzten Wendungen verfremdet, er kalauert und radebrecht, marivaudiert und schwadroniert.