In dieser Woche jährt sich zum 20. Male der Tag des Warschauer Aufstandes gegen die deutsche Besatzung. Auf Geheiß der polnischen Exilregierung in London erhob sich die Untergrundbewegung unter General Bor-Komorowski, um die polnische Hauptstadt noch vor dem Einzug der herannahenden Roten Armee zu befreien. Nach 62 Tagen mußte sie vor den Deutschen kapitulieren.

In den ersten Tagen versuchten SS-Kräfte unter dem Befehl des Generalmajors der Polizei und Höheren SS- und Polizeiführers in Posen, Heinz Reinefarth, den Aufstand niederzuschlagen. Gegen Reinefarth, der nach dem Kriege Landtagsabgeordneter des BHE in Kiel und von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland war, läuft seit drei Jahren ein Ermittlungsverfahren. In seinem Befehlsbereich operierten damals 1700 russisch-ukrainische Hilfswillige der Brigade Kaminski, die lieber plünderten als kämpften, sowie die berüchtigte Brigade Dirlewanger, eine Bewährungseinheit, zusammengestellt aus Kriminellen. Sie richteten in Warschau ein Massaker an, das Lidice und Oradour an Umfang in den Schatten stellt und der Zerstörung des Warschauer Ghettos im Frühjahr 1943 in nichts nachsteht. Allein am 5. August 1944 wurden 12 000 unschuldige Männer, Frauen und Kinder erschossen. Am Abend dieses Tages wurden die SS-Einheiten dem SS-Obergruppenführer und Polizeigeneral von dem Bach-Zelewski unterstellt, der vorige Woche im Münchner Prozeß gegen Himmlers Adjudanten, den SS-General Karl Wolff, als Zeuge auftrat. Bach-Zelewski verbüßt eine lebenslängliche Zuchthausstrafe. Auf die Rolle Reinefarths beim Warschauer Aufstand hat übrigens zum erstenmal der Historiker Dr. Hanns von Krannhals in seiner Studie "Der Warschauer Aufstand 1944" (Verlag Bernhard & Gräfe, Frankfurt 1962) hingewiesen.

In der nachstehenden Dokumentation werden die Ereignisse jenes 5. August dargestellt an Zeugenaussagen vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg (die erst vor einigen Wochen von einem deutschen Historiker wiederentdeckt wurden), an bisher unveröffentflichten polnischen Augenzeugenberichten und an Auszügen aus dem Kriegstagebuch der 9. Armee.

Sonnabend, den 5. August 1944 gegen 5.30 Uhr

Befehlsausgabe des SS-Gruppenführers Reinefarth an seine Unterführer in Warschau-Wlochy (Zeugenaussage)

"1. Alle Aufständischen sollten nach der Gefangennahme erschossen werden, ohne Unterschied, ob ihre Kampfhandlungen dem Haager Abkommen entsprechen oder nicht.

2. Der nichtkämpfende Teil der Bevölkerung wäre ohne Unterschied niederzumachen.