Wenn man einen Prozeß um jeden Preis gewinnen will, dann muß man die Schriftsätze des Gegners mit den Augen eines Anwalts lesen, dem es um nichts anderes gehen darf als darum, Widersprüche aufzudecken, Fehler zu verhöhnen und Meinungen in haltloses Gewäsch zu verwandeln. So könnte man auch gegen den hier abgedruckten Schostakowitsch-Text polemisieren – man brauchte bloß von den offensichtlichsten Schwächen dieser "Bemerkungen" auszugehen, darauf hinzuweisen, inwiefern diese Schwächen zentral und unvermeidlich sind, um so zu beweisen, was längst keines Beweises mehr bedarf: daß selbst große sowjetrussische Künstler die realistische Kunstreligion mit allen Mitteln und Kniffen zu befestigen trachten, daß sie ihre Bedenken wie Konterbande in einer Ladung Jargon-Soll verstecken und daß sie mitunter linientreuer tun, als sie sind.

Doch was kann bei einem solchen Meinungsduett herauskommen, wenn der eine frei atonal und der andere in volksverbundenem und aufbauwillig realistischem Dur singt? Kaum mehr als scheußlich tönende Selbstbestätigung. Zumindest das ist ja die unvergleichliche Annehmlichkeit von Diskussionen und Streitgesprächen: In deutlichem Gegensatz zu Kriegen lassen sie zu, daß jeder Beteiligte mit dem Gefühl heimkehren kann, er habe eigentlich gesiegt.

Unser Vorteil ist nun, daß wir nicht an uns zu appellieren brauchen, wir müßten "einen aktiven Kampf mit dieser Strömung führen". Wir können uns Objektivismus leisten. So wenig es den Chefideologen der UdSSR gelang, Kafka oder Strawinsky oder auch den westlichen Jazz erfolgreich abzuwehren, so wenig wird auf die Dauer zu verhindern sein, daß auf russische Komponisten abfärbt, was mit Schönberg, Berg und Webern begann. Es gibt schließlich das Radio, und Verfemtes reizt. Deshalb gönnen wir uns hier ruhig den Luxus, auf eines jener fruchtlosen Justament-Streitgespräche zu verzichten, wie sie ja auch im Westen zwischen den Anhängern verschiedener "Richtungen" ohne jeden Nachhall geführt werden.

Schauen wir uns diesen intelligenten, durchaus mutigen, produktiven und nicht mehr ganz jungen sowjetischen Komponisten und Professor lieber etwas genauer an. In seinen "Bemerkungen" gibt es, akademisch gesprochen, mehrere Schichten, die man voneinander ablösen kann.

Zunächst ist da eine Fülle von enthusiastischen rhetorischen Verbeugungen und Danksagungen an die heimatliche Kommunistische Partei, in deren Nähe zu arbeiten "ein wundervolles Gefühl" sein soll.

So schwer es fällt, sich vorzustellen, daß ausgerechnet die keineswegs immer übermäßig sachkundigen Reaktionen und Verlautbarungen eines Parteiapparates eine so beflügelnde Wirkung haben: wir wären töricht, wenn wir Schostakowitschs beschwingte Phrasen sämtlich als taktische Lobhudeleien verstünden. Besser als jeder westliche Publizist weiß Schostakowitsch, was parteiamtliche Gängelung von Musik bedeutet.

Doch ein Prokoffiew wußte das auch – und verzichtete trotzdem nicht darauf, sich den spannungsvollen kulturpolitischen Umarmungen des Mütterchens Rußland auszusetzen. Dies Gefühl, ernst genommen zu werden, Mittelpunkt von Debatten, Streitgesprächen, "Ukasen" und Auszeichnungen zu sein, wiegt für viele (keineswegs nur sowjetrussische) moderne Künstler nicht leicht. Und obwohl es geradezu schwachsinnig wäre, annehmen zu wollen, die Differenz, ja die Kluft zwischen modernem Komponieren und Publikumswünschen ließe sich gewissermaßen auf dem Verordnungswege beseitigen, hat es doch offenbar für viele sowjetrussische Komponisten etwas Beflügelndes, gleichsam zum objektiven Träger des musikalischen Weltgeistes befördert zu werden. Gleichviel, ob diese verordnete Volksverbundenheit erschlichen oder ob sie wahr ist: sie zählt für Schostakowitsch.