In knapp drei Monaten wird England wählen. Kaum noch jemand zweifelt daran, daß am Tag nach den Unterhauswahlen die Labour Party mit Harold Wilson an der Spitze als Sieger und zukünftige Regierungspartei dastehen wird.

Dennoch trägt die Londoner Wertpapierbörse ein verblüffendes Maß von unbeirrbarer Zuversicht zur Schau. Verläßt man sich darauf, daß Harold Wilson und seine Freunde sich als so zahm erweisen werden, daß man gelassen einem Regierungswechsel entgegensehen kann? Die Börse gilt als ein gutes Barometer. Die Frage ist gegenwärtig nur, wofür?

Obwohl sich Politik und Wirtschaft des Landes seit geraumer Zeit in einem Zustand der Schwebe befinden, zeigen weder Industrie noch Handel noch das Kreditwesen irgendwelche Anzeichen von Lähmung. Die Industrie treibt ihre Erweiterungsvorhaben voran, zur Zeit sogar mit steigender Intensität, da sich ihre Bewegungsfreiheit durch verbesserte Gewinne vergrößert hat. Darüber hinaus wird Sparen groß geschrieben, und die auf den Konten liegenden Kapitalien suchen neue Anlagemöglichkeiten, die jetzt und nicht erst im Oktober oder Anfang nächsten Jahres genutzt werden wollen. Auch die Konzentrationsbestrebungen in der Industrie bieten manche Anregung. Hier kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, daß manche Vorhaben mit größter Eile realisiert werden sollen, da man von einer Labour-Regierung gewisse Erschwerungen befürchtet.

Aber auch auf Gebieten, auf denen einschneidende Änderungen gewiß sind, zeigt die Börse einen kaum gebrochenen Optimismus. Die Stahlindustrie wird unweigerlich von neuem verstaatlicht werden, wenn Wilson das Rennen macht; sicherlich aber nicht mit der pedantischen Vollständigkeit, auf die einst Attlee und Morrison Wert legten. Dennoch werden an der Börse Stahlaktien zur Zeit um 25 Prozent höher bewertet als vor einem Jahr. Diese "Aufwertung" hat den einzigen Grund, daß die Kapazität der Werke besser ausgelastet und die Ertragskraft mehr als entsprechend gestiegen ist. Gemessen an der Rendite nehmen die Kurse der Stahlaktien allerdings noch keinen hervorragenden Platz ein.

Zu den von der Börse weniger bevorzugten Papieren gehören die Versicherungsgesellschaften und die Grundstücksgesellschaften. Bei den Versicherungen haben die Pläne der Sozialisten für eine großzügige staatliche Altersversorgung Befürchtungen über die weitere Entwicklung der Gesellschaften aufkommen lassen. Bei den Grundstücksgesellschaften erwartet man allgemein eine strengere steuerliche Erfassung von Verkäufen und Spekulationen, nachdem die konservative Regierung in dem Geruch steht, die Grundstücksbesitzer unangemessen begünstigt zu haben. Es erscheint durchaus möglich, daß eine strengere Reglementierung des Grundstücksmarktes das Bauland noch weiter verteuert.

Alles in allem sind die unter Wilson drohenden Verstaatlichungsmaßnahmen ganz offensichtlich nicht mehr geeignet, schwankende Wähler in hellen Scharen gegen die Labour Party aufzubringen. Dennoch werden vom konservativen Lager die Sozialisierungsvorhaben weiterhin – allerdings ohne rechte Überzeugungskraft – als Schreckgespenst dargestellt, das jedoch mehr ein alter Fetisch der Konservativen zu sein scheint.

Was die Wähler interessiert, sind die Fragen des Lebensstandards. Wird die Beschäftigung – die Arbeitslosigkeit hat den niedrigsten Stand seit 1960 erreicht – aufrechterhalten werden können? Was wird gegen die unmäßig angeschwollenen Wohnkosten unternommen? Werden die Lebenshaltungskosten weiter steigen?