Was will Chruschtschow am Rhein? Wer die Frage – häufig gestellt in diesen Tagen – zu beantworten sucht, wird ein bißchen spekulieren müssen. Denn eine verläßliche, eindeutige Erklärung für den Wunsch des Kremlchefs, mit der Bonner Regierung in "Tuchfühlung" zu kommen, gibt es noch nicht.

Hat eine "Gipfelkonferenz" zwischen Bundeskanzler Erhard und dem sowjetischen Ministerpräsidenten überhaupt einen Sinn? An dieser zweiten Frage entzünden sich auf das Leidenschaftlichste die politischen Ansichten, und es sind vor allem zwei Meinungslager, die sich dabei bilden.

Die einen erhoffen sich von einer solchen Begegnung nichts weniger als politische Wunder. Ein vertrautes Plauderstündchen der großen Herren – und weggefegt, so meinen sie, seien im Handumdrehen alle Zwiste, Probleme, Sorgen, die das deutsch-sowjetische Verhältnis schon so lange belasten.

Da gibt es aber auch die anderen, die ganz im Gegenteil behaupten, jene tiefe, durch handfeste politische Fakten markierte Kluft zwischen Moskau und Bonn lasse sich auch durch einen fein eingefädelten Dialog der Regierungschefs nie und nimmer überbrücken. Also könne ein solches Gespräch nichts lösen, müsse nur Enttäuschungen hervorrufen ("die alles noch schlimmer machen") und sei demzufolge "völlig sinnlos".

Von diesen beiden Extrempositionen ist die eine so falsch wie die andere. Gewiß, große Lösungen, die wie ein unverhoffter Lichtstrahl die deutsch-sowjetische Finsternis aufhellen könnten, sind nicht zu erwarten. Die Begegnung am Rhein, zu der es vielleicht schon zur Weinlese im Oktober kommt, kann nicht mehr sein als ein erster Schritt. Durchaus möglich, daß sie noch keine Folgen hat, die politisch zu Buch schlagen. Aber die Atmosphäre mag sich ändern.

Es gibt hierzulande viele Leute, die mögen das Wort "Atmosphäre" nicht – jedenfalls dann nicht, wenn es auf den Umgang mit Kommunisten bezogen wird. Gutes Einvernehmen, Vertrauen oder gar so etwas wie Freundschaft – alles das gibt es für sie nur in Richtung Westen. Nach Osten aber gilt: Aggressive Polemik, Skepsis, Forderung nach Preisgabe und Zugeständnissen, Abkapselung. Als ob wir das Vertrauen und die Freundschaft unserer westlichen Nachbarn je hätten gewinnen können, wenn wir uns auch nach dort abgekapselt hätten. Mit anderen Worten: Würde man uns heute in Holland nicht auch noch mit feindseligem Mißtrauen betrachten, wenn die Bürger der Niederlande ebensowenig von uns wüßten wie die Bürger der Sowjetunion?

Nikita Chruschtschow ist für uns der wichtigste Bürger einer Nation, deren Deutschlandbild noch immer vom Trauma der Vergangenheit geprägt wird. Wenn er uns besuchen will, wer könnte nur einen Moment zögern, eine solche Visite zu begrüßen? Mag sein, daß die politischen Gespräche ohne greifbare Ergebnisse bleiben; mag sein auch, daß es den Gastgebern auf Anhieb nicht so ganz gelingt, den störrischen und hinlänglich voreingenommenen Sowjetpremier von den Realitäten eines neuen Deutschlands (die sich anders ausnehmen als die Schilderungen des "Neuen Deutschland") zu überzeugen. Aber so ganz wird er die Wirklichkeit zu ignorieren nicht die marxistische Verbohrtheit haben.