Von Nina Grunenberg

Unser Freund Willi war sprachlos, ein Zustand, der uns bei ihm beunruhigte. Willi hat sonst immer etwas zu sagen: Ob Milchpreiserhöhung oder Sozialpaket, Parteientaktik oder NATOgewehr, Willi weiß Bescheid und so wie er – das versichert er uns mit ironischer Distanz – so wie er, denken viele. An diesem Abend schwieg die Stimme des Volkes. Dafür schellte das Telephon: Ein auswärtiger Freund wollte noch einmal Willis Stimme hören und sich verabschieden. Morgen sei es zu spät und zu teuer, sagte er. Es war am Vorabend der Telephongebührenerhöhung. Aber Willi war nicht mehr imstande, etwas zu sagen. Er knurrte nur noch, man solle ihn in Ruhe lassen, und im übrigen ginge ihm jetzt alles auf die Nerven.

So akkurat sind Nerven noch selten getroffen worden und, in der Tat, nicht nur die des "armen alten Mütterchens". Tröstete doch die Frankfurter Allgemeine Zeitung in der vergangenen Woche, die Gebührenerhöhung im Telephonverkehr treffe nicht die Armen. Aber auch das nützte nichts: Der Bürger, der "in seiner Eigenschaft als Telephonbesitzer" nicht gezwungen und oft auch nicht in der Lage ist, noch die Eigenschaften eines Politikers, Betriebswirtschaftlers und Postspezialisten mitzuübernehmen, der normale Bürger ist gekränkt. Und so schnell wird er das "denen da oben" nicht vergessen.

"Der Bundestag war kein Forum, in dem die Gebührenerhöhung hätte sachgemäß debattiert werden können", analysierte eine Ärztin aus der psychiatrischen Klinik in Hamburg-Eppendorf. "Denn die Bundestagsabgeordneten haben alle ein Diensttelephon und bezahlen ihre Gespräche nicht selbst."

"Endgültig zum Schlappschwanz gestempelt" ist Bundeskanzler Erhard in den Augen eine sechzigjährigen Malers, der einsam über den Dächern von Hamburg wohnt. Über das Telephon pflegt er die persönlichen Kontakte und die Käufer seiner Bilder. Maßzuhalten sei zuerst die Pflicht eines staatlichen Unternehmens, sagt er. Verteuerungen seien bei einem Privatunternehmen noch zu verstehen, beim Staate wirkten sie unmoralisch. Am besten wäre die Post wohl in Privathänden aufgehoben. Und bis dahin? "Was bleibt mir übrig, als mich selbst zu strafen. Ich werde mir Zurückhaltung im Telephonieren auferlegen, und das nicht nur, weil die Preissteigerung in meinem Etat eine Rolle spielt, sondern auch um zu demonstrieren, daß der Staatsbürger sich nicht alles gefallen lassen soll."

Daß sie dem Staat helfen soll, sein Maß zu halten, hat auch die Angestellte einer Buchhandlung verärgert. Ihr entstanden obendrein Gewissenskonflikte: "Ich nehme es dem Staat übel, daß er mich zu der Überlegung zwingt, ob ich in Zukunft meine Privatgespräche im Büro führe statt in der Wohnung." Hier wird lieb ausgesprochen, was die Firmen düster ahnen. Die Philipp Holzmann AG, größtes Bauunternehmen Deutschlands, verfügte in ihrer Hamburger Niederlassung, Stadtgespräche seien ab sofort nur noch über die Telephonzentrale zu führen. Die direkte Verbindung von den Hausapparaten zur Stadt wurde abgeklemmt. Der Direktor einer Hamburger Werbefirma forderte seine Mitarbeiter durch Rundschreiben auf, ab 1. August weniger zu telephonieren, nicht nur privat sondern auch geschäftlich. "Das ist Unsinn", sagte eine seiner Angestellten, "wir müssen das Telephon benutzen können, sonst können wir unsern Laden zumachen."

"Weniger telephonieren" lautete der Rat von Staatssekretär Haase in Bonn, und manche machten sich Gedanken, ob das Unschuld oder Zynismus war. Viele richten sich danach, nicht um einen guten Rat zu befolgen, sondern weil de scharf kalkulieren müssen.